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Design Thinking Coach: Berufsprofil und Kernfähigkeiten

Pauline Tonhauser
#business #design thinking
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© Pauline Tonhauser

Design Thinking versteht es wie kein anderer Innovationsansatz, Unternehmen und ihre Kunden dichter aneinander zu rücken. Kein Wunder, dass auch immer mehr Unternehmensberater tiefer einsteigen möchten. Erfahren Sie hier, welche sieben Kernfähigkeiten einen guten Design Thinking Coach ausmachen.

Design Thinking auf dem Vormarsch


Immer mehr Unternehmen setzen auf Design Thinking, um auf den steigenden Innovationsdruck in ihrem Umfeld zu reagieren. Der Ansatz, wie wir ihn heute kennen, wurde Anfang der 2000er im Silicon Valley von der Design- und Beratungsfirma IDEO entwickelt. Seit dem Hasso Plattner die Methode 2007 aus Kalifornien nach Deutschland brachte, wächst das Interesse der Industrie stetig.

Doch wer es mit Design Thinking ernst meint, braucht aufrichtigen Veränderungswillen auf Führungsebene und professionelle Coaches, die den Prozess Schritt für Schritt in die Unternehmenskultur implementieren. Dieser Bedarf ist nun auch bei den klassischen Unternehmensberatungen angekommen, die zur Zeit den Markt nach frischen Design Thinkern abgrasen. Jeder, in dessen LinkedIn- oder XING-Profil die Stichworte „Design Thinking“ oder „Human Centered Design“ auftauchen, darf sich über Posts freuen. Insider berichten, dass eine führende Unternehmensberatung im nächsten Jahr bis zu 150 neue Berater einstellen möchte, um Design-Thinking-Expertise ins Haus zu holen. Fest steht: Der Design Thinking Coach ist gefragt wie nie zuvor. 
Doch was macht einen Berater eigentlich zum guten Design Thinking Coach? Dieser Frage ist Pauline Tonhauser, Design-Thinking-Expertin, genauer nachgegangen. In fünf Experteninterviews mit Design Thinking Coaches aus der freien Wirtschaft sowie von Universitäten identifizierte sie folgende sieben Kernfähigkeiten

1. Den Prozess steuern

„Und immer wenn sie zu sehr vom Prozess abkommen, bringt der Coach das Team wie ein Schafhirte wieder auf Track.“ Prof. Dr. Steven Ney, Design Thinking Coach an der HPI D-School und Professor für Social Entrepreneurship. 

Eine Hauptfunktion des Coaches liegt darin, den 6-schrittigen Prozess entlang eines roten Fadens zu steuern. In den ersten drei Schritten – Understand, Observe, Point of View steht das zu lösende Problem und die betroffenen Nutzer im Fokus. Es folgen die Schritte Ideate, Prototyp und Testhier werden Lösungen gesucht und validiert. Vor jedem neuen Schritt sollte klar sein, welches Ziel dieser verfolgt. Einsteiger-Teams fällt es häufig schwer, die strikte Trennung der sechs Schritte in Problemraum und Lösungsraum zu befolgen. Stattdessen suchen sie bereits im Schritt Understand nach Lösungen. Es fällt ihnen schwer damit bis Schritt vier, Ideate, zu warten. Deshalb ist es die Aufgabe des Coaches, sicher zu stellen, dass auch die ersten drei Schritte separat und gewissenhaft durchlaufen werden.

2. Den Methodenkoffer im Kopf haben

„Der Coach ist Methodenguru, der einen Baukasten mit Methoden herumträgt – im Kopf oder ganz konkret in Templates. Er muss diese Methoden flexibel anwenden und wenn nötig auch neue erfinden können.“ Moritz Gekeler, Design Strategist bei SAP, zuvor Track Manager und Coach der D-School Potsdam.

In jedem Prozessschritt werden Methoden benötigt, die das Team befähigen, Teilergebnisse zu erarbeiten. Je nach Schritt unterscheiden sich die Methoden erheblich: Sie reichen von Interview- und Beobachtungstechniken über Kreativitätsmethoden bis hin zu Prototyp- Techniken und Nutzertests.

Der Design Thinking Coach hält ein umfassendes Methodenset bereit, um das Erreichen von Zwischenzielen sicherzustellen. Er berät das Team bei der Auswahl passender Methoden und hilft ihm dabei, diese anzuwenden. Komplizierte Methoden werden von ihm in einfache Aufgaben heruntergebrochen oder visualisiert. Besonders bei der Arbeit mit Anfängern ist die Verwendung von einfachen Vorlagen hilfreich. 

3. Trainer mit Stoppuhr sein

„Wenn ein Team merkt, dass es mit Timeboxing statt endloser Diskussionen schneller zu einem Ergebnis kommt, ist das ein positives Erlebnis“ Simon Blake, Gründungs-Coach der HPI Academy und CEO von launchlabs.

Im Design Thinking herrscht ein grundlegend schnelleres Arbeitstempo. Anstelle Zeit in Diskussionen zu stecken, werden zügig Fakten geschaffen, um Fehler frühzeitig zu erkennen und sie zu beheben. Um möglichst viele kleine Lernschleifen durchlaufen zu können, unterteilt der Coach den Prozess in jedem Schritt in kleine Unterschritte mit einzelnen Zeiteinheiten. Mit dem Time Timer, speziellen Stoppuhren, stellt er sicher, dass die Zeiteinheiten strikt eingehalten werden. So arbeitet das Team schneller und effektiver.

4. Den Raum transformieren

“Transformieren muss man den Raum, man muss ihn besetzen, erschließen, seins machen“ Prof. Dr. Steven Ney, Design Thinking Coach an der HPI D-School und Professor für Social Entrepreneurship.

Raum und Mobiliar setzen den kulturellen Rahmen, der die Zusammenarbeit in der Gruppe und den Design-Thinking-Prozess maßgeblich beeinflusst. Nicht jeder Raum eignet sich für ein Design-Thinking-Team. Anstelle herkömmlicher Arbeitsplätze, die für Einzelarbeit ausgestattet sind, braucht es hier einen Raum, der für die Arbeit für vier bis sechs Personen ausgelegt ist. Wer jetzt an einen Konferenzraum mit sechs Stühlen denkt, liegt falsch, denn im Design Thinking wird vor allem im Stehen gearbeitet. Dies steigert die Produktivität der Gruppe enorm. Dabei wird viel Wandfläche benötigt, um Recherchen, Ideen und Konzepte zu visualisieren. Diese wird mit mobilen Whiteboards erweitert. Der Raum sollte hier keine Grenzen setzen, sondern die Rahmenbedingungen für Inspiration fördern. 
Der Design Thinking Coach hat also die Aufgabe, sicherzustellen, dass der Raum die nötigen Anforderungen erfüllt. Einen ungeeigneten Raum sollte er so transformieren können, dass er den Prozess unterstützt und eine entspannte Atmosphäre schafft – einen We-Space.

5. Creative Confidence versprühen

„Dem Team muss das Gefühl vermittelt werden, dass es mit einem guten Ergebnis enden wird, obwohl es den Weg dorthin nicht kennt“ Sascha Wolff, Design Thinking Coach der D-School Potsdam und Co-Founder von Dark Horse.

Eine Kernkompetenz eines Design-Thinking-Teams ist der souveräne Umgang mit Unsicherheit. Das Vertrauen in den Prozess und die Design-Thinking-Prinzipien ermöglichen es ihm, davon auszugehen, dass am Ende ein gutes Ergebnis steht. Für ein Einsteiger-Team, das sich diese Kompetenz erst erarbeiten muss, ist Design Thinking ein Sprung ins kalte Wasser. Besonders in den ersten drei Schritten, ist es häufig von Unsicherheit geplagt und verweigert sich dem Prozess. Es ist die Aufgabe des Coaches, dem Team Sicherheit zu vermitteln und schnelle Erfolgserlebnisse herbeizuführen, die das Vertrauen in den Prozess stärken.

6. Design-Thinking-Kultur verkörpern 

„Das Coaching-Team muss die Kultur selbst verkörpern – das hat viel Durchschlagskraft.“ Lucas Licht, Design Thinking Coach und Co-Founder von better today.

Jede Gruppe verfügt über eine eigene Kultur, die auf bestimmten Grundannahmen beruht. Je nachdem wie diese lauten, unterstützen oder hemmen sie ihre Innovationskraft. Ein erfolgreiches Design-Thinking-Team beherzigt stets bestimmte Regeln, wenn es zusammenkommt. Hierdurch entsteht ein Spielfeld, das zum Experimentieren einlädt und auf dem auch außergewöhnliche Ideen gedeihen können.

Um diese besondere Kultur zu etablieren, muss das Team bereit sein, sich auf etwas Neues einzulassen und alte Annahmen loszulassen. Hierarchien werden aufgebrochen und Status und Alter spielen keine Rolle mehr. Es ist die Aufgabe des Coaches, ein Bewusstsein für diese Kultur zu schaffen, indem er sie selbst verkörpert. Wird eine Regel verletzt, sollte er offen darauf hinweisen und sie vom Team einfordern.

7. Rollen wechseln

„Ein guter Coach ergänzt das Team um die Kompetenzen und die Funktionen, die es selber gerade nicht zu leisten vermag“ Simon Blake, Gründungs-Coach der HPI Academy und CEO von launchlabs.

Jedes Team ist anders und jedes Team braucht etwas anderes. Was Team A motiviert, ist für Team B eine Bremse. Während ein schüchternes Team einen Coach braucht, der Grenzen sprengt, profitiert ein extrovertiertes Team von einem Coach, der Gelassenheit ausstrahlt. Daher ist die größte Fähigkeit eines Coaches, Defizite in einem Team zu erkennen und diese auszufüllen. Bei Bedarf schlüpft er in die Rolle eines Teammitglieds, mal ist er moderierend tätig oder inspiriert zu Lösungen. Ist das Team im Flow, hält er sich im Hintergrund und schlüpft in die Rolle eines externen Feedback-Gebers. Wird aus dem Anfänger-Team ein souveränes Fortgeschrittenen-Team, hat der Coach seinen Job erledigt und das Team ist in der Lage, selbstständig Design-Thinking-Projekte durchzuführen.

Fazit

Die sieben Kernfähigkeiten machen deutlich, dass Design Thinking ein ganzheitlicher Ansatz ist, in dem Mensch, Raum und Prozess gleichermaßen wichtig sind. Neben fachlichem Können zählt die emotionale Intelligenz und das Vermögen zur Empathie. 
Ein Design Thinking Coach kennt den Prozess wie seine Hosentasche, hält stets eine passende Methode bereit und taktet nebenbei die Zeit bis auf die Minute. Gleichzeitig verkörpert er die Design-Thinking-Kultur und regelt mit Hilfe der Prinzipien die Zusammenarbeit im Team. Wie ein Mentor stärkt er das Vertrauen des Teams in die eigene Kreativität und springt flexibel dort ein, wo er benötigt wird.

Berater, der ihre Expertise mit Design Thinking erweitern möchten, sollten sich nicht abschrecken lassen. Methoden-Workshops bieten einen guten Start, um ein Gefühl für Raum, Kultur und Prozess zu entwickeln. Je häufiger sie den Prozess selbst durchlaufen, desto einleuchtender wird er und desto leichter fällt es einem, ihn zu steuern.

Über den Autor
Pauline Tonhauser

Pauline Tonhauser

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Als Design Thinking Coach unterstützt Pauline Tonhauser Unternehmen dabei, mit Design Thinking erfolgreichere Produkte zu entwickeln, die echten Mehrwert für ihre Nutzer schaffen. Pauline ergänzt den Design-Thinking-Prozess mit einem siebten Schritt, in dem die Frage im Fokus steht: Sind die Kunden bereit, für unsere Lösung auch Geld zu bezahlen? Und wenn ja, wie viel?
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