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Facebook mal anders betrachtet

admin
#facebook

Normalerweise erübrigt sich die Frage, ob jemand bei Facebook ist. Er ist – zumindest in meinem Bekanntenkreis. Nun wohne ich in einer Kleinstadt, da ticken die Uhren anders.

Für mich, wie für viele andere, ist es normal, sich täglich bei Facebook zu tummeln und zu lesen, was in den Leben der weiter entfernt wohnenden Freunde so vorgeht und worüber sie sich so Gedanken machen. So kann ich nett mit Ihnen über politische Themen, mögliche Geburtstagsgeschenke für die Familie, die Familie generell, den Tag im Büro, lustige Begebenheiten, Fundstücke aus dem Netz etc. plaudern und brauche das nicht bei zehn Leuten jeden Abend per Telefon durchexerzieren – eine ungemein praktische Sache. Sogar ein Tierschutzverein hat sich bei Facebook gefunden und es ins reale Leben geschafft.

Zunehmend melden sich nun auch Freunde aus der Kleinstadt hier an, was mich natürlich freut, denn auch die sehe ich nicht täglich und auch regelmäßiges Telefonieren wird durch andere Aktivitäten erschwert.

Und jetzt kommt das Aber

Einige der nun neuen Mitglieder schickten mir direkt nach zwei Tagen eine herkömmliche E-Mail mit langen Litaneien, dass das alles zu viel bei Facebook wäre. So schnell könnten sie gar nicht auf alles reagieren, was dort an Postings veröffentlicht würde, und es würde sie arg stressen. Dies veranlasste mich zunächst ganz unsensibel zu homerischem Gelächter. Und sie könnten doch nicht dauernd was schreiben. Soviel würde ja gar nicht passieren. Und das könne dann ja jeder lesen. Aha. Ja, das ist üblicherweise der Sinn einer solchen Veröffentlichung, sonst kann ich auch einzelne verschlüsselte E-Mails an jeden schreiben.

Auch der Zeitfaktor kam immer wieder ins Spiel. “Ich hab keine Zeit, jeden Tag zwei Stunden vor Facebook zu sitzen”, war da die Aussage. Wieder Heiterkeitsstürme. Ich frage Sie: Wer sitzt denn am Stück zwei Stunden vor Facebook, wenn er nicht lästige Dinge wie Farmville spielt, um seine Mitmenschen in den Wahnsinn zu treiben, weil er jeden gefundenden Grashalm der Weltöffentlichkeit mitteilt?

Und wieviel Information kann bei 18 Facebookfreunden schon auflaufen? Andere haben Hunderte.
Die ersten haben nun mit Ansage ihren Account zur Ruhe gebettet und gepostet, dass sie nun nur noch per E-Mail erreichbar seien, die Facebook-Mitgliedschaft würde nun ruhen. Da sie auch vorher nur passive User waren, sei es mir gestattet zu erwähnen, dass es nicht mal auffällt, denn das Gros der Unterhaltung geht ja eh immer auf das Konto von einigen wenigen Aktiven.

Ist wieder einmal der vielzitierte Datenschutz bei Facebook schuld?

Kann es denn sein, dass die öffentliche Debatte um den sicher zu diskutierenden Datenschutz bei Facebook dazu führt, dass sich in meinem Umfeld nun schon mindestens fünf Leute verabschiedet haben? Dass diese Thematik nun gerade exquisit in den Medien hochgekocht wird, freut Microsoft sicher, denn die sind ausnahmsweise mal vom Haken. Frage mich, wann Apple mal ins Visier der Multihasser gerät, aber das nur am Rande.

Interessant ist nun hierbei, dass die Löschwelle anscheinend schon vor der Datenschutzdebatte in Deutschland und den USA begann, wie einer Pressemitteilung von Pressetext Deutschland zu entnehmen ist. Ich zitiere: “Tiefergreifende Nachforschungen brachten zudem ans Tageslicht, dass der Löschwunsch von Facebook-Nutzern offenbar schon länger im Raum steht und sich über die vergangenen Monate bereits zu einem Trending Topic entwickelt hat.” Nun bleibt fraglich, was unter tiefergreifenden Nachforschungen zu verstehen ist, aber lassen wir das einmal dahingestellt. Danach folgern die Autoren der Pressemitteilung aufgrund der Topsuchergebnisse von Google, dass sich zunehmend Facebook-Mitglieder Infos suchen, wie sie ihr Facebookprofil löschen können. “Eine Analyse von Search Engine Land hat gezeigt, dass die Phrase “how do I delete my Facebook account” derzeit unter den Topvorschlägen in der Google-Suche auftaucht.”

Eine ganz andere Hypothese

Liegt die derzeit vermutete oder angekündigte Löschwelle in der Tat an den Querelen um den Datenschutz und den gehackten Mitgliederprofilen? Mal ganz abgesehen davon, dass Facebook bei den aktuell 500 Millionen Nutzern eine Löschwelle – und seien es auch nur zehn Prozent der Nutzer – nicht arg wehtun wird.

Besteht nicht die Möglichkeit, dass zwar viele der Nutzer an die Informationsmenge gewöhnt sind, aber noch mehr, die neu dazu kommen, sich erst daran gewöhnen müssen? Mal ehrlich: Ich mache seit mittlerweile Jahrzehnten morgens als Erstes den Rechner an. Ich bin daran gewöhnt, dass parallel zum am Rechner arbeiten, das Telefon klingelt, ich neben XING und Facebook noch schnell ein paar E-Mails schreibe oder in einem Webmeeting oder einer Telko sitze. Dann kommt noch ein Fax, ein Skype-Fenster geht auf und auf dem Mobile blinkt eine SMS. Geht Ihnen auch so, oder? Gut, ist ein wenig übertrieben, aber sehr nahe dran.

Ich kenne aber einen Haufen Menschen, die ihr Handy nicht mal an haben oder es konsequent daheim vergessen, wenn sie irgendwohin fahren. Oder die zuhause einen Rechner haben, ihn aber nicht nutzen. Ich bestelle ja sogar Pizza übers Internet, weil ich keine Lust habe, die Telefonnummer des Lieferservice rauszusuchen. Und nach ein paar Nachfragen mit solchen Facebook-Löschern kristallisierte sich heraus, dass sie mit dem Informations-Overload nicht parat kommen und einfach die gebündelten Informationen nicht handeln können. Sie fühlen sich verpflichtet, von jedem die Postings zu lesen und auch zu kommentieren. Sie lassen keine E-Mail unbeantwortet und jede SMS erscheint ihnen als mahnendes Menetekel, sofort Meldung zu machen. Diese gewissenhaften Menschen gehören keiner anderen Generation an, aber ihr Leben ist völlig anders und das Priorisieren von Informationen und der Umgang mit ihnen, liegt ihnen, was das Internet betrifft, anscheinend nicht.

Ein Szenario zu den Profillöschungen

So sehr Facebook in aller Munde ist, so schnell meldet man sich testweise mal an. Man findet Freunde bzw. aufgrund der ausgeklügelten Analysealgorithmen von Facebook findet Facebook die Freunde für einen. Alles ist wunderbar, bis sie das Gefühl haben, in Information zu ertrinken. Es folgt die Facebook-Verweigerung mit schlechtem Gewissen à la “eigentlich müsste ich mal wieder reinsehen, aber ich hab doch keine Zeit”. Und wenn drei bis sechs Monate ins Land gegangen sind, fasst man sich ein Herz und sucht Informationen, wie man seinen Account löscht, denn Facebook schickt ja weiterhin Erinnerungs-E-Mails (je nach Einstellung), die sozusagen den Zeigefinger anklagend erhoben haben. Irgendwann, wenn man diese E-Mails dann als lästigen Spam betrachtet und sich ärgert, dann meldet man sich ab, dann traut man sich.

Warum haben sich Bekannte und Freunde von Ihnen aus Facebook verabschiedet? Ob nun mit offizieller Löschung des Accounts oder nur mit Boykott, ist dabei egal. Mich würde einmal interessieren, ob es wirklich am Datenschutz liegt oder vielleicht doch an den zu großen Möglichkeiten und den zuvielen Informationen. Sachdienliche Hinweise nehme ich gerne per E-Mail entgegen.

Jordis Fink, Betriebswirtin, ist mit Leib und Seele seit zwölf Jahren E-Marketer. Sie arbeitet seit fünf Jahren als Freie Beraterin und baut derzeit eine E-Marketing-Unit im Drehturm in Aachen bei Power+Radach/Powerflasher auf.

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