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Apple iPad mini Keynote – das Superlativ-Bullshit-Bingo

admin
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Wusstet Ihr, dass es in der englischen Wikipedia den Eintrag “Stevenote” gibt? Bei einer “Stevenote” handelt es sich um … 

… a colloquial term for the keynote speeches given by former Apple CEO Steve Jobs at events such as the Worldwide Developers Conference and previously the Macworld and Apple Expos.

Dass Steve Jobs’ einzigartige Produktvorstellungen mit einem eigenen Wiki-Eintrag geadelt wurden, ist eine Referenz an den Präsentationsstil des verstorbenen Apple-Visionärs, der ebenso nonchalant wie inspirierend war. Legendär ist sein “but there’s one more thing” – die Phrase mit der er seinen scheinbaren Abgang von der Bühne unterbrach, nur um ein weiteres Produkt vorzustellen, das sich regelmäßig als das eigentliche Highlight des Abends herausstellte.

Kein Wunder, dass viele Beobachter besorgt waren, wie sein Nachfolger Tim Cook zukünftig jene weltweit mit Spannung erwarteten Keynotes über die Bühne bringen würde. Denn schon als Cook seinen Chef während dessen Krebserkrankung kommissarisch vertrat, war offensichtlich geworden, dass der Manager aus Alabama nicht in die Keynote-Fußstapfen des Überchefs würde treten können. Aber ganz ehrlich: War die Erwartung, Cook könnte eine passable Jobs-Imitation abgeben, nicht von vorn herein utopisch? Welcher CEO würde im Vergleich mit dem charismatischen Jobs nicht blass wirken?

Das Problem, dass sich allerdings mit jeder neuen Apple-Keynote und -Produktvorstellung in der Post-Jobs-Ära immer mehr heraus kristallisiert, ist: Wenn man es schon in puncto Innovation nicht mehr schafft, dann will man zumindest in puncto Lockerheit und Ausstrahlung an vergangene Zeiten anknüpfen – und zwar auf Biegen und Brechen.

Die Frage, inwiefern der Innovationsgrad der Apple-Produkte durch den Tod von Steve Jobs gelitten hat, soll an dieser Stelle nicht zur Debatte stehen. Vielmehr geht es um die Art der Inszenierung und die Sprache, die so aufgesetzt und dröge wirken, dass mir mittlerweile der Spaß an den Apple-Keynotes vergangen ist.

Es mag US-Amerikanern gar nicht mehr auffallen, weil ihre Ohren an einen derartigen Präsentationsstil gewöhnt sind. Aber für meine Ohren war schon der Auftakt der gestrigen Keynote (hier zu sehen als Apple Event) eine einzige Qual. Allein in den ersten zehn Minuten zählte ich ein “exciting”, ein “tremendous”, ein “phenomenal”, drei “fantastic”, vier “amazing”, fünf “incredible” und sieben “great”. Und dabei wurde in dieser Zeitspanne nicht einmal ein neues Produkt vorgestellt, dafür aber ein zweiminütiges Video vom iPhone 5 Launch abgespielt. 

Es ist völlig klar, dass neben Produktvorstellungen die positive Darstellung des Unternehmens die wichtigste Funktion solcher Keynotes ist. Aber dann doch bitte ohne den verbalen Vorschlaghammer, der solche Veranstaltungen zum Superlativ-Bullshit-Bingo macht.

Böse Zungen behaupten, Cook habe die Ausstrahlung eines Oberlehrers. Ganz so schlimm ist es vielleicht nicht, Cooks hier und da durchschlagender “southern drawl”, sein Südstaaten-Dialekt, hat durchaus einen gewissen Charme. Aber ein umfangreiches Präsentations-Coaching würde dem spröden Südstaatler zu Gesicht stehen. Das traurige ist vermutlich, dass Cook solch ein Coaching mit Sicherheit schon absolviert hat. Hier und da hatte man den Eindruck, man hätte ihm empfohlen, nicht durchs Programm zu hetzen und die eine oder andere Pause einzuschieben. Aber auch bei Pausen ist das Timing entscheidend. Ist die Pause zu kurz, verpufft der Effekt. Ist sie zu lang, zieht sich der Vortrag wie Kaugummi. Bei Tim Cook war es weder das eine, noch das andere. Es wirkte einfach nur unbeholfen und steif, die Begeisterung über den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens kam einstudiert rüber.

Die Lösung: Apple entscheidet sich endlich, die Ausrichtung der Keynotes komplett zu ändern und versucht statt einer schäbigen Jobs-Kopie einfach mal etwas neues, frisches. Das mehr schlechte als rechte Imitieren vergangener Zeiten ist für die Tonne. Vor allem wünsche ich mir, dass endlich die ebenso aufdringliche wie langweilige Selbstbeweihräucherung auf ein erträgliches Maß herunter gefahren wird.

Tim Cook während der Apple-Keynote gestern: locker ist was anderes (Quelle: Screenshot aus dem offiziellen Event-Video).
Tim Cook während der Apple-Keynote gestern: locker ist was anderes (Quelle: Screenshot aus dem offiziellen Event-Video).
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