iPhone 5: Das berechenbare Wunderkind

André

Die Zeiten der großen Überraschungen sind vorbei. Als Tim Cook gestern Abend auf die Bühne trat und “das Größte, was dem iPhone passieren konnte” vorstellte, war niemand aus dem Häuschen (die komplette Keynote gibt's auf der Apple Homepage). Denn schaut man sich einmal die Mock-ups und Leaksder letzten Wochen an, fällt einem kaum ein Unterschied zum tatsächlichen iPhone 5 auf. Selbst die Specs wurden bereits Wochen zuvor zum größten Teil treffsicher vorausgesagt.

Das iPhone 5 in schwarz / Bildquelle: Apple Press Info
Das iPhone 5 in schwarz / Bildquelle: Apple Press Info

Dass Apple einen Maulwurf im Unternehmen hat, kann keiner mit Gewissheit sagen. Sicher ist hingegen, dass für die Herstellung der Apple-Phones Zulieferer und Auftragsfertiger in Fernost beauftragt werden, die unmöglich alle dicht halten - handelt es sich doch um hundertausende Mitwisser.

Nichtsdestotrotz haben sich gestern dann doch alle gebannt die Vorstellung des neuen iPhone 5 angeschaut. 

Dünner, leichter, länger

“Ein so neues Design brauchte Technologie, die erst erfunden werden musste.” Das behauptet zumindest Apple. Aber hat sich äußerlich tatsächlich viel geändert? Dass es länger ist, sieht man auf den ersten Blick; dass es dünner ist, auf den zweiten und das Aluminiumgehäuse, nun ja, das kennt man schon vom iPod.

Böse Zungen behaupten, das iPhone 5 sehe aus wie ein in die Länge gezogenes 4S. Diese Meinung teilte auch der ein oder andere Kollege: “Design-Evolution sieht anders aus”, rief mir einer heute morgen zur Begrüßung zu - “Guten Morgen” kam erst später. Aber was ist das Problem am Design des neuen Modells? Apple hat immerhin die nicht ganz unproblematische Entscheidung getroffen, das Display auf 4 Zoll zu vergrößern. Die Cupertiner blicken also erstmals einer Fragmentierung entgegen, die man sonst eher von Android kannte. So gibt es derzeit Apple-eigene Apps, die für die neue Display-Größe optimiert wurden, andere Apps werden jedoch zentriert dargestellt. Aber ist das der Sinn eines größeren Displays? Was habe ich davon, wenn ich oben und unten nervige Ränder wie bei einem alten Röhrenfernseher wiederfinde?

Im Laufe der Zeit muss der fleißige iOS-Entwickler also eine Entscheidung treffen: Baue ich eine App nach dem neuen oder alten Standard - oder für beide. Hoffentlich steigt dann nicht analog zur Mehrarbeit auch die Bugrate.

Jony Ive, Apples Chefdesigner, entlockt dem Hightower alias iPhone 5 in seiner Werbeansprache derweil einen entscheidenden Vorteil: Man kann das größere Display im schlanken Gehäuse weiterhin mit einer Hand bedienen. Damit hat Apple einen geradezu genialen Kompromiss gefunden, denn ein größeres Display wird, wie Branchenkenner wissen, von den Kunden gefordert und die Ein-Hand-Bedienung war dem verstorbenem Visionär Steve Jobs äußerst wichtig.

Die Androiden setzen schon lange auf ein größeres Blickfeld, sei es das Samsung Galaxy S3 mit 4,8 Zoll oder das Galaxy Note 2 mit stolzen 5,5 Zoll.

Auch das im Vergleich zum Vorgänger 18 Prozent dünnere und 20 Prozent leichtere Gehäuse des iPhone 5 kommt dem Publikumsgeschmack entgegen. Unsere dot.NET-Kollegin meint nämlich seit jeher, dass das iPhone sehr schick, aber einfach zu dick und zu schwer sei. Das mache es unhandlich, so schön es auch sei. Am iPhone 5 hat sie diesbezüglich nichts auszusetzen, sie hatte es aber auch noch nicht in der Hand.

Mit der Präzision einer Schweizer Uhr

Angesichts dessen, was man bisher auf Fotos und Videos vom iPhone 5 gesehen hat, sticht es durch seine hervorragende Verarbeitung heraus. Ob sich dies auf die Haptik überträgt, können erst Praxistests zeigen. Ob die Abweichung von Produkt zu Produkt tatsächlich im Mikrometerbereich liegt und der Herstellungsprozess so einzigartig und vollkommen ist, wie Apple es kommuniziert, ist nicht unbedingt kriegsentscheidend. Vergleicht man die Materialien des iPhone 5 mit denen der Konkurrenz, wirkt es, wie unser Chefredakteur treffend anmerkte, als wären alle anderen Smartphones von Toys“R”Us.

Die Kamera des neuen iPhones löst, wie die vom Vorgänger, mit 8 Megapixeln auf. Hinzugekommen ist eine Low-Light-Funktion, die unter schlechten Lichtverhältnissen bessere Fotos schießt. Auch die bisherige Glasabdeckung der Linse wurde durch eine robustere und beständigere Objektivabdeckung aus Saphir getauscht. Die neue Panoramafunktion passt zwar wunderbar zum neuen 16:9-Format des iPhone 5, gehört jedoch bei der Konkurrenz schon länger zum Standard.

Was vielen das Leben leichter machen wird, ist der Lightning Connector. Manch ein Anbieter von Zubehör mag befürchten, dass er in Zukunft auf seinen iPhone-Accessoires sitzenbleibt. Doch hier kann Entwarnung gegeben werden: Es gibt einen Adapter, der den alten Dock Connector weiter verwendbar macht.

Für uns Kunden ist darüber hinaus der neue Anschluss ein Segen, denn man kann ihn beidseitig verwenden! Vorbei ist also die Zeit des ersten Anschlussversuchs bei Dunkelheit, der gemäß Murphys Gesetz beim ersten Mal prinzipiell schief geht.

Wieder ein deutsches LTE-Debakel?

Das iPhone 5 unterstützt LTE. Auch mit dem deutschen LTE-Standard ist der neue Highspeed-Datenfunk kompatibel. Allerdings wird nur der Frequenzbereich 1800 MHz unterstützt, was der Deutschen Telekom, wie schon bei den ersten iPhone-Generationen, einen klaren Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschafft.

T-Mobile ist nämlich der einzige deutsche Mobilfunkanbieter, der diesen Frequenzbereich einsetzt - allerdings nur in Städten! O2 und Vodafone setzen hier hingegen 2600 MHz ein. In ländlichen Gebieten nutzen alle Provider eine Frequenz von 800 MHz - die gefällt aber dem iPhone nicht. Wer also LTE mit dem iPhone 5 nutzen will, braucht nach derzeitigem Stand einen T-Mobile-Laufzeitvertrag und sollte möglichst zentral in einer Stadt mit LTE-Abdeckung wohnen. Allerdings könnte es ein Schlupfloch geben, einen Umweg auf dem man doch in den Genuss schnellerer Datenübertragungsraten kommt. Laut den Spezifikationen auf der Apple-Webseite unterstützt das für Deutschland geplante iPhone 5 Modell A1429 wie das iPad 3 auch den Standard DC-HSDPA. Damit wären theoretisch Downloadraten von bis zu 42 MBit/s möglich - insofern der Provider dies unterstützt. Allerdings sind hierfür spezielle und vor allem teurere Datentarife nötig - in den "Otto-Normalverbraucher"-Tarifen sind die DC-HSDPA-Geschwindigkeiten nicht verfügbar.

Auch ein NFC-Chip, wie von einigen Branchenkennern vermutet, ist nicht im neuen iPhone zu finden. Warum Apple der NFC-Technologie zum berührungslosen Bezahlen derzeit noch nichts abgewinnen kann, liegt vermutlich daran, dass man zunächst einmal Partner finden will, um ein ein eigenes, auf NFC-basierendes Apple-Payment-System aufzubauen.

iOS 6 - Der Grundstein der Innovation

So schön das iPhone 5 auch ist, ohne Software bleibt es ein Briefbeschwerer aus Aluminium und Glas. Ok, die inneren Werte des Geräts können sich sehen lassen, allerdings schließt Apple in puncto Technik einmal mehr lediglich zur Konkurrenz auf - die 8MP-Kamera mal ausgenommen. Sie wird in guter Apple-Tradition sicher erneut zu den besten Smartphone-Kameras der Welt zählen. Ob der neue A6 Prozessor mit dem Quad-Core-Chip eines Samsung Galaxy S3 mithalten kann, müssen hingegen erst Benchmarks zeigen. Ebenso eine Tradition, wenn auch aus Nutzersicht keine begrüßenswerte, ist die Tatsache, dass das iPhone 5 wie seine Vorgänger auf einen Slot für Speicherkarten verzichtet. Dafür gibt es immerhin die neuen EarPods, die eine bessere Akkustik und mehr Tragekomfort versprechen.

Was bleibt also? Man könnte fast meinen, Apples Credo lautet: "Wahre Innovation kommt von innen und heißt iOS 6." Das kostenlose große Software-Update kommt am 19. September und bringt Neuheiten wie die Apple Maps mit Flyover-Ansicht, eine bessere Siri, eine tiefe Integration von Facebook ins OS und erstmals ein eigenes Navigationsprogramm.

Kompatibel ist die Software mit den iPhone-Modellen bis herab zum 3GS, dem neuen iPad und iPad 2 sowie iPod touch 4 und 5. Uneigeschränkt kompatibel ist iOS 6 jedoch nur mit iPhone 5 und 4S als auch dem neuen iPad (FaceTime via Mobilfunknetz nur beim LTE/3G-Modell) und dem iPod touch 5 (ohne FaceTime via Mobilfunknetz). 

Das iPhone 5 in weiß / Bildquelle: Apple Press Info

Das iPhone 5 in weiß / Bildquelle: Apple Press Info

Das große Fazit:

Apple hat gestern Abend, wie bisher, ein qualitativ hochwertiges Smartphone vorgestellt. Experimente machen die Cupertiner eben nicht, das sollte nun jeder wissen. Wenn Apple etwas auf den Markt bringt, wurde es ausgiebig getestet und funktioniert meist reibungslos. Einzig Siri wurde dem Kunden bereits im Beta-Status präsentiert, erfreut sich aber ständiger Verbesserungen.

Seit Apple mit dem ersten iPhone die ganze Welt begeisterte und die mobile Revolution einläutete, scheinen viele zu erwarten, dass die nächste Generation des Apple-Phones mit göttlichem Glanze ganz Mutter Erde erhellt. Schraubt man seine Erwartungen ein wenig runter und gesteht sich ein, dass auch Apple nur ein Elektronikhersteller ist, kann man mit den Produkten des Konzerns freilich mehr als zufrieden sein.

Die Verkaufszahlen sprechen immerhin für sich. Bisher hatte Apple mit jedem neuen iPhone die verkauften Stückzahlen aller Vorgänger erreicht. Auch das iPhone 5 wird mit Sicherheit Verkaufsrekorde aufstellen. Ob Innovation, Evolution oder Enttäuschung, Apple bleibt das wertvollste Unternehmen der Welt.   

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