Interview mit Christoph Räthke: „Berlin ist ein idealer Gründungsstandort auch für Unternehmer aus Nachbarländern!“

WebMagazin: Christoph, du hast dich bereits 2000 an einem eigenen Start-up versucht, seitdem große Konzerne wie die Telekom beraten, 2008 den Berliner Mobile Monday mitbegründet und warst 2010 bis 2011 Leiter des Founder Institutes in der Hauptstadt. Seit einer Weile hast du ein neues Projekt – die Berlin Startup Academy, ein so genannter Accelerator und das erste Entrepreneurship Institute, das auf Basis der Berliner Community entsteht. Die meisten werden schon mal von Accelerator-Programmen à la TechStars oder Y Combinator gehört haben. Was ist das besondere an der BSA, was macht ihr anders?

Christoph Räthke: Was meines Wissens kein anderer so macht wie wir, ist den Accelerator auf der Schnittstelle zwischen Corporate- und Start-up-Welt zu positionieren. Angestellte aus Großkonzernen können bei uns Seite an Seite mit Gründern lernen, wie digitale Innovation und Geschäftsentwicklung funktionieren. Umgekehrt erschließen wir Gründern die Angebote, die große Firmen machen – wie Corporate Investments, Partnerprogramme, aber auch Mentoring dazu, wie man als Start-up mit großen Konzernen zweckmäßig zusammenarbeitet.


WebMagazin: Wo sind bei diesem Ansatz die Vorteile für Gründer und inwiefern können auch die großen Firmen profitieren?

Räthke: Die BSA glaubt daran, dass wir in Deutschland den katapultartigen Schub, den Start-ups in den USA durch Firmen wie Google oder IBM erfahren, nur durch Einbeziehung der deutschen Weltfirmen erreichen können. Also von Firmen wie der Telekom, den großen Verlagen, Autofirmen – allen, die ihrerseits digitale Innovation betreiben müssen. Denn das Ganze ist eine Win-Win-Situation: Auf der einen Seite wird materielle und strukturelle Unterstützung gebraucht, auf der anderen inhaltliche. In vielen Innovationsmanagement-Abteilungen der Konzerne setzt sich mittlerweile die Erkenntnis durch, dass Innovation allein in der eigenen Suppenküche nicht klappt, sondern die Verbindung zur Innovationsbranche da draußen zwingend braucht.


WebMagazin: Für welche Art von Gründern ist die BSA gedacht? Branchenübergreifend oder auf IT/Online spezialisiert?

Räthke: Im Rahmen der Berlin Startup Academy geht es um skalierbare digitale Ideen – also in der Tat „IT/Online“.

„Wir glauben daran, dass Berlin ein idealer Gründungsstandort auch für Unternehmer aus den Nachbarländern ist.“


WebMagazin: Dabei sprecht ihr explizit auch Nicht-Deutsche Gründer an?

Räthke: Ja, absolut. Wir glauben daran, dass Berlin ein idealer Gründungsstandort auch für Unternehmer aus den Nachbarländern ist, namentlich aus Osteuropa. Das BSA-Programm ist komplett in Englisch.


WebMagazin: Ihr habt in der BSA ein Mentoren-Netzwerk aufgebaut. Wer ist da unter anderem dabei und welche Rolle sollen diese Mentoren spielen?

Räthke: Dabei sind durch die Bank Serial Founders, Investoren und Branchenexperten, die ich teils schon seit 1999/2000 kenne und die den BSA-Teilnehmern wirklich Türen öffnen können. Markus Berger-de León, zum Beispiel, der langjährige CEO von Jamba, MyHammer und StudiVZ. Oder Gabriel Yoran, CEO von aka-aki und Steganos. Oder Benjamin Rohé, CEO des Frühphaseninvestors Makeastartup. Oder Peter Borchers, Leiter des Telekom-Inkubators hub:raum. Diese Leute halten nicht nur Vorträge, sondern setzen sich mit jedem Teilnehmer individuell zusammen, der ihre Hilfe bei der Bewältigung seiner jeweiligen unternehmerischen Herausforderungen brauchen kann.

 

WebMagazin: Wie genau ist das Programm der BSA aufgebaut? Wer führt beispielsweise die Sessions durch, wie sind die Kosten?

Räthke: Die Sessions sind genau strukturiert um wöchentliche Themen, die von den Mentoren mit Inhalt gefüllt und von der BSA durchgeführt werden. In insgesamt 16 Sessions, plus extrakurrikulären Workshops (z.B. mit Google) wird alles konzentriert erarbeitet, was einen als Gründer erfolgreicher machen kann als andere. Die Kosten für die Teilnahme sind für Gründer 1000 Euro, plus 4 Prozent von dem Unternehmen, das er entweder während des Semesters gründen oder bereits ins Programm einbringen muss.

 

WebMagazin: Was passiert nach dem Abschluss an der BSA? Wie geht es für die „Graduates“ weiter?

Räthke: Das entscheidet im Prinzip jeder selbst. Für einige geht es sofort um VC-Suche, andere müssen/wollen erst noch eine Weile an ihrem Produkt schrauben oder Kontakt ins Silicon Valley aufnehmen. Bei all diesen Dingen unterstützen wir die Graduates, allerdings nicht mehr in einem festen Programm, sondern im Alumni-Netzwerk. Wo sich die Absolventen auch untereinander weiter helfen werden.

 

WebMagazin: Berlin als Standort war vermutlich die einfachste Entscheidung bei der Gründung der BSA. Viel wird derzeit über Berlin als europäische „Startup Capital“ gesprochen. Wie siehst du die Zukunft? Wird der Hype anhalten oder besteht die Gefahr einer gewissen Abnutzung? Und was muss getan werden, damit die deutsche Hauptstadt auch die europäische Start-up-Hauptstadt bleibt?

Räthke: Es gibt keinen Hype. Wer sich für das Start-up-Geschäftsmodell interessiert, nicht für die klassische Karriere im Großunternehmen, für den ist Berlin schlicht und einfach die erste Wahl. Nicht, weil da so viel drüber geredet und Club Mate getrunken wird, sondern, weil sich seit ein paar Jahren alle Bestandteile, die ein produktives Start-up-Ökosystem braucht, hier zusammenfügen. Ich wüsste nicht, wie sich das abnutzen sollte; auch, wenn die Medienberichterstattung irgendwann nachlässt, bleiben die Tatsachen ja immer noch bestehen. Und eine Tatsache, auf der auch die BSA beruht, ist: Nur hier gibt es so viele erfahrene und dabei offene Unternehmer, Investoren, und Gründerpersönlichkeiten, die neu dazukommende Unternehmer so effektiv und schnell unterstützen können. Damit das so bleibt, muss man eigentlich nicht viel tun, sondern diesem expandierenden System einfach nur keine Steine in den Weg legen. Daran sollte auch der Gesetzgeber denken, wenn er über die Besteuerung von Risikokapital-Investitionen bestimmt.

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