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Zwischen Galadress und Silvesterböllern

admin
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Gähn… es ist Silvestermorgen, 9 Uhr, und ich sitze mit mittlerweile dem dritten Kaffee im Arbeitszimmer, vertreibe mir die Zeit im Netz, derweil meine Perle den Feudel schwingt. Erstaunlich, welche Seiten man ansteuert, wenn man planlos herumsurft: Spiegel.de titelt mit getöteten CIA-Mitarbeitern in Afghanistan. Interessanterweise passend zu meinem aktuellen Lesestoff auf dem Nachttisch: CIA – Die ganze Geschichte. Glamour.de punktet mit einem Silvesterspecial, sodass ich wohl heute mitternächtens glamourös an meinen Sekt werde nippen können. Heise.de bietet eine Story wie aus einem Film: Ein entflohener Häftling hält seine Freunde und Häscher via Facebook auf dem laufenden.

Waschmittelwerbung ist unerträglich

Und dann landet man bei freundin.de und stürzt sich auf die Horoskope. Es ist schließlich Silvester! Aber was sehen meine noch müden Augen? Ein Wallpaper mit Waschmittelwerbung? Ariel – raus aus dem Grau! Liebes freundin.de-Team, Waschmittelwerbung ist im Fernsehen schon unerträglich und ich frage mich wirklich, wer aufgrund von Waschmittelwerbung ein Waschmittel kauft. Aber im Netz auf einer Horoskopseite fühle ich mich nun auf den Schlips getreten.

Zugegeben, ich bin weiblich und lese Silvester gerne mal Horoskope, aber ich interessiere mich nicht die Bohne für Waschmittel, außer dass ich welches nutze. Aber Ariel werde ich jetzt erst recht nicht kaufen. Als ob Silvester surfende Frauen, die Horoskope lesen und sich immer mal ein Hauch wie ein Star fühlen wollen, gerne großflächige Waschmittelwerbung sehen möchten.

Hausmütterchen und Chauvi-Schweine

Zumindest bin ich jetzt aber wach und meine Neugier ist geweckt, ich breche auf zu einer Mission: Auf welchen Seiten herrschen auch solch chauvinistische Zustände? Auf welchen Seiten von Frauenmagazinen werde ich, weil weiblich, in die Liga der Kittelschürzen tragenden Hausmütterchen sortiert?

Joy.de präsentiert einen Wide Skyscraper “Haarstudio powered by Garnier” oder so ähnlich. Damit kann ich leben, um sein Aussehen sollte man sich kümmern: Es gibt nie eine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Man möchte als Frau, die an Silvester Horoskope liest, ja allemal auch gepflegt daherkommen, trotz meines aktuell ausgerufenen Waschmittelboykotts.

Brigitte.de hat eine Layer-Wide-Skyscraper-Kombi auf der Startseite: Buy-VIP verlost Tickets für die Fashionweek in London. Genau das Richtige für eine Frau mit bald sehr gepflegten Haaren, die ab und an ein wenig Glamour liebt. Oh, mich erwartet ein umfangreiches Anmeldeprozedere. Liebes brigitte.de-Team, ich habe Verständnis für Coregs, und dass ihr per CpL bezahlt werdet, aber heute kann ich mich nicht anmelden, ich bin auf einer Mission. Sorry.

Aus mir und Jörg Kachelmann wird nichts

Aha, die Cosmopolitan hat wetter.info per Skyscraper auf der Startseite. Herr Kachelmann hat hier eine Sprechblase und fordert mich auf, wissen zu wollen, wie morgen das Wetter wird. Nun, da muss ich Herrn Kachelmann leider enttäuschen, morgen ist Neujahr, da ist es mir völlig schnuppe, wie das Wetter wird, denn ich werde ausschlafen, den restlichen Tag unglamourös mit Kuscheldecke auf dem Sofa verbringen und Märchenfilme schauen. Soll es draußen doch Katzen und Hunde regnen.

Ich vermute bei der elle.de eine ähnliche Zielgruppe wie bei der Cosmopolitan. Sprich, eigentlich erwarte ich ästhetische, kreative Werbung, die Stil hat, gut gemacht ist und den Teil in mir, der gepflegte Haare hat, Horoskope liest und sich an Silvester glamourös fühlen möchte, anspricht. Meine Neugier wird belohnt. Ich kann es kaum glauben: Ein Video-Expandable von Otto, stylische Klamotten und Schuhe. Zumindest vermutet das die – Sie wissen schon – in mir. Zu otto.de wollte ich ohnehin noch mal stöbern gehen, ich benötige auch noch ein, zwei dekorative Dinge für die Wohnung, aber auch heute fehlt mir die Zeit, die Mission.

Hurra, auf der amica.de findet sich der Spot sogar als Superstitial. Äußerst benutzerfreundlich mit der Anzeige der Laufzeit des Spots und der Möglichkeit, den Spot zu überspringen. Ich bin hellauf begeistert, so lobe ich mir Werbung im Netz. Mein haargepflegtes, glamouröses Silvesterherz schlägt höher.

Die Liga der außergewöhnlichen Kittelschürzen

Jolie.de hat einen besonderen Leckerbissen für Frauen, die sich nicht zu der Liga der Kittelschürzen zählen und zum Waschmittelboykott aufrufen: Ein Wide Skyscraper, der eine Digitalkamera, die Lumix ZX1, promotet. Hübsch übertitelt mit “Für jeden Tag”, selbstironisch muss ich schmunzeln. Vielleicht sollte ich doch mal schnell bei der Lumix.de vorbeischauen? Aha, jolie.de scheint zu Axel Springer zu gehören, ich lande bei der bild.de. Wenn es die Kamera doch bloß in rosa gäbe, ich wäre nun doch schwer in Versuchung.

Wer fehlt denn nun noch in der Riege der Frauenzeitschriften? Petra.de hatte ich ja ganz vergessen. Auf der Startseite ein Wallpaper mit dem Aufmacher: Endlich Ruhe vor dem stillen Örtchen – Kürbis-Cranberry-Kapseln, natürliche Unterstützung für Blase und Prostata von Kneipp. Ja ist es denn zu fassen, das toppt sogar die Ariel-Werbung auf freundin.de. Dort fühlte ich mich reduziert auf die klassischen drei “K”, aber bei petra.de fühle mich auf einen Schlag um Jahre gealtert und ertappe mich dabei, mal wieder bei der douglas.de vorbeizuschauen, um ein paar neue Tiegelchen mit Wunderwaffen gehen die Falten und Fältchen zu erwerben. Damit schießt sich petra.de direkt aus der inoffiziellen Konkurrenz “Werbung auf Frauenzeitschriften im Netz”. Ich frage mich nun ernsthaft, wie alt die Zielgruppe der petra.de ist. Das riecht nach 85 bis gefühlten 150 Jahren.

Hausaufgaben für Werber:

Ich bin immer noch von den Socken. So was hätte ich auf Frau-im-Spiegel.de oder Das-goldene-Blatt.de erwartet. Am Rande: Gibt es die Seiten eigentlich? 30 Sekunden später weiß ich, dass ich mir das Tippen hätte sparen können. Bei beiden gibt’s nur Infos zu den Prämien, wenn man ein Abo abschließt. Aber wenigstens keine Werbung, denn von der, ganz ehrlich, hab ich nach dem letzten Silvesterböller auf der petra.de erstmal die Nase voll.

Ihr lieben Vermarkter und Kreativagenturen, hier ist ein Vorschlag für einen guten Vorsatz für das neue Jahr: Wie wäre es denn mal mit Werbung für Produkte, die anspricht? Ihr habt doch alle Möglichkeiten. Nächstes Silvester werde ich meinen virtuellen Kontrollgang machen und sehen, ob sich was getan hat, oder ich meinen Waschmittelboykott erneuern muss.

In diesem Sinne: Auf ein wunderbares Jahr 2010, voller guter Vorsätze, hoffentlich kreativer Werbung und mit dem Quäntchen Glamour für Frauen wie mich!

P.S.: Während der Verfolgung meiner Mission habe ich glatt vergessen, die Horoskope zu lesen. Wenn jemand über eines für Fische, 2. Dekade, stolpert: E-Mail genügt.

Jordis Fink, Betriebswirtin, ist mit Leib und Seele seit zwölf Jahren E-Marketer. Sie arbeitet seit fünf Jahren als Freie Beraterin und baut derzeit eine E-Marketing-Unit im Drehturm in Aachen bei Power+Radach/Powerflasher auf.

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