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webinale-Interview: Walter Rafelsberger über die Visualisierung von Social Media

admin
#Webinale

Datenvisualisierung wurde in den vergangenen Jahren durch neue Web- und Open-Source-Technologien und die online zur Verfügung stehenden Daten immer populärer. Wir haben uns mit einem ausgewiesenen Experten in diesem Bereich unterhalten: Walter Rafelsberger. Der Österreicher ist Gründer und Co-Geschäftsführer von visalyze und beschäftigt sich seit 2003 mit sozialer Netzwerkanalyse und Datenvisualisierung. Business Week zählt ihn zu den “Heroes of Data Visualization“. Auf der webinale hält Walter Rafelsberger am 5. Juni die Session “Die Visualisierung von Social Media“.

CREATE OR DIE: Herr Rafelsberger, wir möchten Ihrer webinale-Session etwas vorgreifen und Sie zur Geschichte der Datenvisualisierung befragen: Gibt es ein singuläres Ereignis, das Sie als Startpunkt der Datenvisualisierung bezeichnen würden?

Walter Rafelsberger: An einem genauen Zeitpunkt lässt sich das natürlich schwer festnageln und es hängt auch davon ab, wie sehr man den Begriff dehnt. Man könnte sogar die mehr als 15.000 Jahre alten Höhlenmalereien von Lascaux als den Ursprung der Informations- oder Datenvisualisierung bezeichnen: Man vermutet, dass es sich dabei nicht um reine Illustrationen handelt, sondern dass die Darstellungen z.B. Informationen über Wanderrouten von Tieren beinhalten.

Abgesehen davon und wenn man die klassische Kartographie ausklammert geht es im 18. Jahrhundert richtig los mit den Diagrammen von William Playfair. Und der Klassiker schlechthin darf hier natürlich auch nicht fehlen: Charles Minard veröffentlichte 1869 eine Illustration von Napoleons Russlandfeldzug, die gekonnt verschiedene Daten in einer Darstellung vereint.

CREATE OR DIE: Welche Eigenschaften muss gute Datenvisualisierung aufweisen, um sich von herkömmlichen Kuchen-Diagrammen oder Infografiken abzuheben?

Walter Rafelsberger: Es kommt zunächst immer darauf an, was die entsprechend beste Darstellungsform ist, um einen bestimmten Datensatz visuell zugänglicher zu machen. Da spricht auch absolut nichts gegen klassische Diagramme. Für ein wesentliches Element, das Datenvisualisierung jedoch von Infografiken unterscheidet, halte ich die Interaktivität. Das ermöglicht dem Benutzer verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Im Idealfall ermöglicht Datenvisualisierung damit den Blick auf das große Ganze und auf Wunsch jedes Detail.

CREATE OR DIE: Dass Datenvisualisierung ein probates Mittel sein kann, komplexe Sachverhalte einem breiten Publikum zu vermitteln, erschließt sich jedem. Doch wie lässt es sich erklären, dass ausgerechnet eine grafisch-bildliche Herangehensweise so erfolgreich bzw. effizient ist?

Walter Rafelsberger: Die visuelle Aufbereitung von Daten ermöglicht den Blick auf das große Ganze und erleichtert es, Zusammenhänge leichter zu erkennen, als dies mit reinen Texten und Zahlen möglich ist, gerade bei großen Datenmengen. Wahrnehmungsphysiologisch sind wir einfach stark visuell geprägt. Datenvisualisierung hat damit einen großen Stellenwert in der Wissensvermittlung und ermöglicht einen Blick auf die Geschichte, die sich hinter den reinen Zahlen verbirgt.

CREATE OR DIE: Im Rahmen solcher Datenvisualisierungsprojekte kommt es nicht selten zu unerwarteten Ergebnissen. Können Sie uns aus eigener Erfahrung von ungewöhnlichen Resultaten berichten?

Walter Rafelsberger: Ja, die Arbeit an solchen Projekten ist immer wieder für Überraschungen gut. Bei einer Analyse der Texte der Wahlprogramme der österreichischen Parteien, hat sich z.B. herausgestellt, dass die Begriffe “Österreich”, “bleibt” und “Zukunft” bei der ÖVP am dominantesten waren. Das drückt sogar mit einem gewissen Witz ganz gut das Dilemma einer Partei aus, die sich gern fortschrittlich gibt aber im Kern doch konservativ ist. Bei der Anwendung von sozialer Netzwerkanalyse auf die in Filmdrehbüchern vorkommenden Charaktere kam es vor, dass die multiplen Persönlichkeiten einer Person öfter in der Netzwerkvisualisierung auftauchten. D.h. man konnte die einzelnen Persönlichkeiten im Graphen verorten und sehen, wie sie in Beziehung zu anderen Charakteren stehen. Datenvisualisierung kann auch helfen, Fehlerquellen im zu analysierenden Datenset zu finden. Twittert da z.B. wirklich jemand vom Südpol oder ist es ein Kodierungsfehler?

CREATE OR DIE: Insbesondere beim Thema Social Media ist es möglich mithilfe interaktiver Datenvisualisierung, teilweise sogar in Echtzeit, Kommunikationsmuster in anschaulichen Bildern offenzulegen. Was sind Ihrer Meinung nach die spannendsten Beispiele für Datenvisualisierung von Social-Media-Aspekten?

Walter Rafelsberger: Die Visualisierung von Social Media ist eine ganz besondere Herausforderung. Die öffentlichen Social Media Daten bieten viele Möglichkeiten für Visualisierungen und Analysen, die unglaublichen Datenmengen sind aber nicht so einfach zeitnah zu verarbeiten. Spannende Datenvisualisierungen entstehend vor allem dann, wenn sie sich nicht nur selbstreferentiell auf Social Media beziehen, sondern Bezüge zur “wirklichen” Welt (Ereignisse, Gesellschaft etc.) hergestellt werden können.

Während der Unruhen in London im letzten Sommer brach der Prime Minister David Cameron die Diskussion vom Zaun, ob Social Media Services in Zeiten von Unruhen nicht gesperrt werden sollten, wenn sie beispielsweise zur Organisation von Plünderungen genutzt werden. The Guardian veröffentlichte daraufhin eine Visualisierung, die veranschaulichte, dass Twitter weniger für die Organisation der Plünderungen, sondern eher danach zur Koordination der Aufräumarbeiten genutzt wurde. 

Eric Fischer zeigt in “Locals and Tourists” anhand von geokodierten Flickr-Daten, wo an bestimmten Orten eher Touristen und eher Einheimische Fotos gemacht haben. Anhand von über 50 Beispielen lassen sich so Muster erkennen, wo sich z.B. bestimmte touristische Hotspots befinden.

Das Projekt “Cascade” zeigt, wie sich Nachrichten am Beispiel von New York Times-Artikeln auf Twitter verbreiten.  Besonders gut sieht man das Engagement um einzelne Artikel und wie welche Twitter-User zur weiteren Verbreitung beitragen.

CREATE OR DIE: Wie können Unternehmen Datenvisualisierung einsetzen und welche Ziele können Sie damit erreichen?

Walter Rafelsberger: Genauso wie jeder einzelne von uns haben Unternehmen mit der Informationsflut zu kämpfen. Das betrifft sowohl unternehmensinterne als auch -externe Daten. Es gibt drei große Anwendungsgebiete von Datenvisualisierung, die für Unternehmen interessant sind. Explorative Analyse ermöglicht es, mittels interaktiver, visueller Suche etwas über Daten zu erfahren, die man noch nicht kennt, über die man etwas erfahren möchte. Weiters kann Datenvisualisierung als Verifizierungswerkzeug genutzt werden, um Annahmen und Hypothesen zu Datensätzen zu bestätigen. Und last but not least eignen sich Visualisierungen auch unternehmensintern  zur Präsentation und Vermittlung von Daten. 

CREATE OR DIE: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rafelsberger!

Zur PersonWalter Rafelsberger ist Gründer und Co-Geschäftsführer von visalyze. Seit 2003 beschäftigt er sich mit sozialer Netzwerkanalyse und Datenvisualisierung. Business Week zählt ihn zu den “Heroes of Data Visualization”. Sein Wissen gibt er immer wieder in Vorträgen und Workshops zu den Themen Visualisierung und Social Media weiter. Das unter der Entwicklungsleitung von Rafelsberger an der MODUL
University Vienna entstandene “Sentiment Quiz”, ein “Game with a
Purpose” für Facebook, wurde mit dem österreichischen Staatspreis für
“Online Communities, Web2.0 und Social Networks” ausgezeichnet.
 

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