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Tweetscapes: Interview mit Anselm Venezian Nehls

admin
#tweetscapes

Mitte Januar ist die Website tweetscapes online gegangen (Wir berichteten). Die Entwickler haben es sich zur Aufgabe gemacht, Twitter in einer völlig neuen Perspektive zu zeigen. Um das zu verwirklichen, werden die sogenannten #Hashtags aktuell abgesetzter Tweets in Echtzeit akustisch und visuell aufbereitet. Wir haben mit Anselm Venezian Nehls, einem der Macher, über dieses interessante Projekt gesprochen.

tweetscapes wird als Echtzeit-Videostream dargestellt.
tweetscapes wird als Echtzeit-Videostream dargestellt.

CreateOrDie: Herr Nehls, bitte stellen Sie sich doch kurz unseren Lesern vor. 
Wie sind Sie auf die Idee für tweetscapes gekommen? 

Anselm Venezian Nehls: Ich bin Musiker, Künstler und Mitgründer des Soundart-Labels HEAVYLISTENING, habe aber auch zwei Jahre lang Marketingkonzepte für die Berliner Social-Media-Agentur TLGG entwickelt. Zu der Zeit war Twitter noch extrem hip, und irgendwann kam mir die Idee, damit auch mal was anderes als Werbung zu machen. Zuerst wollte ich die Live-Improvisation einer Band kollektiv via Twitter fernsteuern lassen, daraus wurde aber nichts, und irgendwann begann ich mich dann für Sonifikation – also die Hörbarmachung von Datensätzen – zu interessieren und dachte mir: Wäre es nicht viel spannender, die Kommunikationsmechanismen von Twitter – und damit des Social Web –  in Echtzeit hörbar zu machen?

CreateOrDie: Wie lange dauerte die Umsetzung des Projekts? 

Anselm Venezian Nehls: Das erste Konzept habe ich im Februar 2011 geschrieben, im August fingen wir mit der tatsächlichen Programmierarbeit an, und jetzt seit Januar 2012 ist die erste richtige Vollversion online.

CreateOrDie: Wie haben Sie die Arbeit an tweetscapes zusammen mit Ihrem Team empfunden? 

Anselm Venezian Nehls: Das Team ist toll, besonders Florian Eitel, der für die Twitter-API-Abfrage und die anderen schwierigen Sachen zuständig ist, und Tarik Barri, der die Echtzeit-Visualisierung beigesteuert hat, stecken wirklich viel unbezahltes Herzblut in das Projekt. Die eigentliche Arbeit war aber durchaus auch mal sehr anstrengend. Was wir da probiert haben, hatte halt vorher noch niemand gemacht, daher wussten wir gar nicht, ob es überhaupt möglich ist. Es gab aber schon einen festen Sendetermin auf Deutschlandradio Kultur acht Wochen später. Nicht unbedingt die entspanntesten Voraussetzungen.

CreateOrDie: Wie wird bzw. wurde das Projekt finanziert? Haben Sie durch tweetscapes laufende Einnahmen? 

Anselm Venezian Nehls: #tweetscapes ist im Auftrag von Deutschlandradio Kultur entstanden, und die haben auch die Entwicklung bezahlt. Laufende Einnahmen haben wir keine, es ist ja in erster Linie ein Kunstprojekt. Es gibt allerdings verschiedene Pläne für kommerzielle Ableger des Projektes.

CreateOrDie: Ist das Projekt tweetscapes bereits in der finalen Version oder wird weiter daran gearbeitet? 

Anselm Venezian Nehls: Es ist die erste Version, die wir für gut genug halten, sie öffentlich zu zeigen. Mit “final” hat das allerdings noch wenig zu tun. Besonders die visuelle Seite wird demnächst ein großes Update bekommen, aber es gibt in jeder Hinsicht noch riesiges Potential. Es gibt noch sehr, sehr viele Daten, die wir zwar von Twitter erhalten, aber noch gar nicht berücksichtigen. Das wird alles Stück für Stück erweitert und verbessert.

CreateOrDie: Das Projekt wurde unter anderem durch die Unis Berlin und Bielefeld unterstützt. Inwieweit haben Studenten zu diesem Projekt beigetragen? 

Anselm Venezian Nehls: Ich bin selbst Student des Masterstudiengangs Sound Studies an der UdK Berlin, #tweetscapes ist Teil meiner Masterarbeit. Aus Bielefeld hat uns Dr. Thomas Hermann, der sich mit wissenschaftlicher Sonifikation beschäftigt, beratend unterstützt.

CreateOrDie: Wie würden Sie die Rolle von Deutschlandradio Kultur beschreiben? 

Anselm Venezian Nehls: Die haben den Anstoß für das Projekt gegeben und es eben auch finanziert. Klangkunstredakteur Marcus Gammel hatte gemeinsam mit Thomas Hermann die Idee, eine neue Sendereihe mit verschiedenen künstlerischen Sonifikationen umzusetzen. Dafür suchten sie dann bei Sound Studies nach Ideen und Kooperationspartnern. Mein Konzept lag quasi fertig in der Schublade und so hat sich dann alles gut gefügt.

CreateOrDie: Sind Sie mit dem Ergebnis der Arbeit zufrieden? – Funktioniert tweetscapes so wie Sie es sich vorgestellt haben? 

Anselm Venezian Nehls: Ich bin immer wieder überrascht, wie gut das Ganze eigentlich funktioniert. Heute morgen dachte ich, irgendetwas wäre kaputtgegangen, weil plötzlich die Hölle los und ein Sound unglaublich dominant war, und lief zum Computer. Aber es war nur Christian Wulff zurückgetreten.

CreateOrDie: Mit welcher Programmiersprache wird tweetscapes umgesetzt? 
Anselm Venezian Nehls: Von Sprache kann man da gar nicht mehr reden, das nimmt langsam babylonische Ausmaße an. u.A. Ruby on Rails, SuperCollider, Max/MSP/Jitter und Java. Zum Glück gibt es das OSC-Protokoll, darüber kommunizieren die diversen Programmteile relativ reibungslos miteinander.

CreateOrDie: Jedem #hashtag wird ein bestimmter Zahlenwert zugewiesen. Was haben Sie sich bei dem Algorithmus und der audiovisuellen Umsetzung gedacht? 
Anselm Venezian Nehls: Diese Frage wird mir irgendwie ständig gestellt. Ich finde das vollkommen selbsterklärend. Ich wollte kommunikative Zusammenhänge verklanglichen, also das Aufflammen eines Themas, seine Weiterverbreitung oder auch das “Grundrauschen”, wenn gerade nichts Spezielles passiert. Dafür müssen also Tweets, die das gleiche Thema behandeln, auch gleich oder ähnlich klingen. Da eine semantische Analyse der Nachrichten in Echtzeit für den Umfang des Projektes zu kompliziert geworden wäre, haben wir halt die Hashtags als Themenindikatoren verwendet. Jetzt aus jedem Hashtag mittels eines Algorithmus einen charakteristischen Sound zu ermitteln ist doch eigentlich trivial. Wir rechnen halt die ASCII-Values der Buchstaben zusammen und verwenden diesen Wert dann für die Steuerung der wichtigsten Parameter eines Granularsynthesizers. Jedes Gesprächsthema klingt also anders. In der visuellen Umsetzung wird das noch nicht ausreichend widergespiegelt, aber daran arbeiten wir gerade. Es wird dann auch ganz verschiedene visuelle Stimmungen geben, die ebenfalls algorithmisch erzeugt werden.

CreateOrDie: Wird es zukünftig noch ähnliche Projekte mit Schwerpunkt Social Media geben? 

Anselm Venezian Nehls: Ach, “Social Media” ist als Begriff doch langsam wertlos geworden. Gibt es noch Lebensbereiche, die nicht davon durchdrungen sind? Gibt es noch relevante Kunst, die sich dieser Entwicklung verschließen kann? Wenn man heutzutage reine Offline-Projekte macht, ist das entweder Ignoranz oder ein explizites Statement, aber nicht mehr der Normalzustand. HEAVYLISTENING plant ein paar sehr analoge Projekte, unter anderem im Frühjahr sogar unsere erste Vinyl-LP, trotzdem denken wir das Netz dabei immer mit.

CreateOrDie: Lieber Herr Nehls, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Master-Arbeit.

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