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Schön, schöner, beautifulpeople.com

admin
#community

Ich bekam vor ein paar Tagen eine E-Mail von beautifulpeople.com. Kennen Sie nicht? Kein Wunder! Diese Community ging vor vier Jahren an den Start, direkt europaweit, und hatte hochfliegende Pläne. Sie werde “die” Community für schöne, wohlhabende und attraktive Menschen, die sich mit ihresgleichen umgeben wollen. Beautifulpeople.com sollte Partys mit und für schöne Menschen und vielleicht auch die romantische Kontaktaufnahme innerhalb der Elite erleichtern. Clou der Plattform war das Rating der Applicants, der Bewerber, die um Aufnahme in diese Haute Volée baten. Jaahaaaaa, nicht jeder durfte dort Mitglied werden.

Hier tummeln sich die Reichen und/oder Schönen (Aufmacher und Bild: beautifulpeople.com)
Hier tummeln sich die Reichen und/oder Schönen (Aufmacher und Bild: beautifulpeople.com)

Da sich nur gleich und gleich gern gesellt, entschieden die bestehenden Mitglieder per Voting, ob die jeweiligen Applicants (Männer über Frauen und Frauen über Männer) attraktiv genug waren, um überhaupt in der goldenen Sandkiste mitspielen zu dürfen. Die Gründer hatten sich allerdings mit ihrer Klientel verrechnet, denn die geforderte monatliche bzw. tägliche Abogebühr waren die wenigsten bereit zu entrichten. Als ich das Netzwerk verließ und die dort kennengelernten interessanten Kontakte zu Xing etc. emigriert hatte, gab es “bp” fast weltweit, aber es schwächelte.

Goldener Phönix?

Und Fanfare bitte, da ist es wieder, oder noch? Ich erhielt eine E-Mail eines Applicants, der mich als Freundin oder so hinzufügen wollte. Da war meine Neugier natürlich geweckt und ich stattete der untoten Plattform einen Besuch ab. Der Applicant, am Rande bemerkt, stolperte erst über mein Profil, als ich auf seines klickte. Und dass er mich gar nicht als Freundin hinzugefügt hatte, ist wohl überflüssig zu bemerken.

Wie Phönix aus der Asche, nur vergoldet vom Glanz der illustren Mitglieder, erhebt sich “bp” also zu neuer Größe. Aus länderspezifischen einzelnen Plattformen wurde eine, und die Funktionalitäten wurden aufgebohrt. Alles erstrahlt im stylischen “Air”-Design, die verschiebbaren Fenster sind geblieben, ebenso der Haufen vermeintlich schöner Menschen. Statt der ausschließlichen globalen Statusmeldungen der Mitglieder, Broadcast genannt, gibt es jetzt einen eigenen Social Stream, Facebook-Nutzern als “Pinnwand” bekannt.

Überrascht war ich allerdings, dass “bp” nun auch auf den Zug des Matchings “add as a friend” aufgesprungen ist und das ohne ein tägliches Ticket lösen zu müssen. Früher kostete die Plattform 1 Euro pro Tag, sodass man, hatte man einen Berg E-Mails zu beantworten, einen Euro einlöste und dann die Nachrichten lesen und beantworten konnte. Mobiletauglich ist “bp” nicht geworden, ich stelle also die gewagte Hypothese auf, dass wieder ein Trend verpennt wurde und irgendwann der Relaunch kommt. Vielleicht sind die “bp”-Macher schier zu geblendet vom Widerschein der Schönheit, dass sie die Augen schließen müssen, um irreparable Schäden zu vermeiden?

Schönheiten aller Herren Länder vereinigt euch

Neugierig suchte ich “die” Funktion, die das Menschsein so richtig anschaulich wiedergibt: Das Rating über die Applicants. Herrlich, seiner Häme mal so richtig freien Lauf lassen zu können und auf einer farbigen vier Punkte Skala (Rot für “No go” und Dunkelgrün für “Aber hallo!”) die Jungmänner, die sich dort zur Wahl stellen, zu bewerten. Frau fühlt sich dabei ein wenig, wie mit ihrer Freundin im Café, oder setzen Sie einen beliebigen anderen Ort ein, an dem man vorbeiflanierende Pfauenmänner einer genauen Begutachtung unterzieht und sich Punkte zutuschelt. Zugegeben, so etwas macht man in meinem Alter nicht mehr, aber hier kann man quasi anonym den niedrigsten Gelüsten nachgehen. Ein Hoch auf die waschechte Schadenfreude.

Ein lustiges Gebinde Männer aus Spanien, der Türkei, Brasilien, Deutschland, Serbien und Montenegro, Mazedonien (Anmerkung: Die Flagge von Mazedonien scheint bei “bp” noch nicht angekommen zu sein, oder was kann es für einen Grund geben, dass der abgebildete Adonis vom Balkan ohne Flagge angezeigt wird?), Kasachstan, Polen, Italien, Frankreich, Argentinien, Kroatien, Jemen, USA, Großbritannien, Südafrika, Schweiz, Russland, Iran, China und Bosnien-Herzegowina stellt sich nur auf der ersten Seite der Bewertung durch das wahrhaft schöne Geschlecht.

Dabei sind einige, bei denen ich mich frage, ob sie überhaupt schon Autofahren dürfen (in Deutschland), einige, bei denen ich mich frage, woher sie den Mut nehmen, und ganz wenige, die ein echtes WAHUUUUUU! auslösen. Ketzerisch schoss mir durch den Kopf, dass “bp” im Iran und in China scheinbar nicht der Zensur zum Opfer fällt. Erstaunlich, ein Versehen oder vielleicht nach dem Motto: Opium fürs Volk?

Ich scheine jedenfalls keinen Standardgeschmack zu haben, wenn ich sehe, dass US-amerikanische Muskelprotze im Ringerhemdchen fett im dunkelgrünen Bereich gevotet werden, derweil ich den nächstgelegenen Eimer suche. Sorry, aber das ist einfach nicht mein Geschmack. Interessiert habe ich mich auch gefragt, ob die Osteuropa-Connection des Eurovision Song Contests auch hier funktioniert. Erstaunlich, dass Herren die vierschrötig und bärbeißig in die Kamera schauen und ad hoc eher Assoziationen mit der Russenmafia wecken, im dunkelgrünen Votingbereich liegen. Aber vielleicht ist mein Geschmack auch zu westeuropäisch.

Warum tut man das?

Und schon war ich beim nächsten Gedankengang: Warum tut man das? Warum geben sich Hänflinge, die kaum drei Haare auf der Brust haben und scheinbar von Mama morgens vor der Schule die Kleider herausgelegt und die Haare gescheitelt bekommen oder Typen wie Rocky Balboa nach der 35. Runde im Ring, in die Hand von Menschen wie mir? Dass ich sie nicht aus Mitleid hoch bewerten würde, versteht sich von selbst. Ganz im Sinne des elitären Netzwerks der Schönheit, muss man ja unter sich bleiben. Die Schickeria in Monte Carlo lässt auch nicht Creti und Pleti zu. Und was versprechen sie sich davon, würden sie bei “bp” angenommen werden? Wären sie dann endlich wer? Kämen sie dann am Türsteher des Szeneclubs plötzlich vorbei?

Ein lieber Freund, den ich in der Tat bei “bp” kennenlernte, erklärte mir dazu wenig überzeugt, seine Umfrage bei Mitgliedern von “bp” habe ergeben, dass alle Befragten die Anmeldung aufgrund einer Wette gestartet hätten. Frei nach dem Motto: Wetten, dass du es nie schaffst, dort dazu zu gehören?! Gruß nach Berlin und danke, Söhnchen!
Gut, das ist nun keine Begründung, die ich schon gehört hätte, aber vielleicht bin ich auch zu alt für diese Fisimatenten. Die Fälle, die in die Gerontologie gehören, wie ich, gelten irgendwann ja auch nicht mehr als schön. Und was ist nun schön?

Das wiederum ist eine Fragestellung, der ich mich dereinst vielleicht einmal philosophisch nähern könnte, es aber hier den Rahmen sprengen würde … aber “bp” zählt sicher nicht dazu und die Barbies und Kens dort sicher auch nicht! Wie wäre es denn mal mit einer neuen Community: intelligentpeople.com und man durchläuft statt eines Ratings nach Bild mit Mensch im Ringerhemdchen den HAWIE-R?

Ehrlicherweise möchte ich jedoch hinzufügen, dass ich bei “bp” tolle Menschen kennengelernt habe, ob sie schön sind, kam mir allerdings noch nie in den Sinn. Und wenn jemand gesicherte Mitgliederzahlen zu “bp” hat, bitte via E-Mail an mich. Ich bin brennend interessiert, ob und wie dieses Netzwerk wächst. Falls jemand jemals einen Blick in deren Businessplan werfen konnte: Informationen darüber, wie das Geschäftsmodell gestrickt ist, nehme ich auch gerne.

Jordis Fink, Betriebswirtin, ist mit Leib und Seele seit zwölf Jahren E-Marketer. Sie arbeitet seit fünf Jahren als Freie Beraterin und baut derzeit eine E-Marketing-Unit im Drehturm in Aachen bei Power+Radach/Powerflasher auf.

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