Magazin für digitale Arbeit & Kultur
Design

Peter Bell über Küchenuhren, Tomaten und effektives Arbeiten

admin
#interview

Anfang Mai fand in Sydney die WebDU statt, eine Konferenz für Webdesigner und -entwickler “Down Under”. Die Veranstaltung spricht gezielt diejenigen an, die in der südlichen Hemisphäre ansässig sind – die meisten Teilnehmer kommen aus Australien und Neuseeland. Peter Bell, CEO von SystemsForge und Mitglied des Consulting-Teams bei Railo, hielt eine Session mit dem Titel “Productive Work Environment/Practices”. CREATE OR DIE hatte die Chance, mit Peter über seine Präsentation zu sprechen.

CREATE OR DIE: Hallo Peter, erzähle uns doch bitte etwas über deine Session. Worüber hast du gesprochen?

Peter Bell: Normalerweise spreche ich auf Konferenzen hauptsächlich über sehr technische Themen, wie beispielsweise domänenspezifische Sprachen, Softwareproduktionslinien oder Codegenerierung. Dies sind großartige Werkzeuge, um Applikationen schneller zu erzeugen. Genauso wichtig ist es jedoch, im Vorfeld die richtigen Anforderungen zu bestimmen und Prozesse in Teams effektiv zu managen, beispielsweise durch Agile oder Lean als Methode. In meinem Vortrag auf der WebDU ging es jedoch hauptsächlich um persönliche Produktivität – wie können wir unsere Jobanforderungen besser erfüllen, insbesondere auch auf eine Art und Weise, die uns Spaß macht und die es uns erlaubt, unsere Arbeit zu genießen?

Zwei Dinge haben mich zu dieser Session veranlasst. Zum einen Neil Fords Buch “The Productive Programmer”, das eine gute Grundlage zum effektiven Arbeiten bietet – nicht nur für Programmierer, sondern für alle diejenigen, die komplexe Arbeiten mit einem Computer ausführen. Doch meine Hauptinspiration für diesen Talk kam von einer Tomate.

CREATE OR DIE: Einer Tomate? Das musst du ein wenig genauer erklären!

Bell: Vor ein paar Jahren besuchte ich die XP-(Extreme-Programming-)Konferenz in Limerick/Irland. Dort traf ich auf einen faszinierenden Italiener, der einen einstündigen Vortrag über die Pomodoro-Technik gehalten hat. Dieser Vortrag hat mich mehr beeindruckt und beeinflusst als alle anderen Sessions der Konferenz. Pomodoro ist das italienische Wort für Tomate, und der Name kommt daher, dass in Italien viele Küchenuhren die Form einer Tomate haben. Mit Küchenuhr meine ich nicht die klassische Wanduhr, sondern diese kleinen tickenden mechanischen Zeitmesser, von denen man sich daran erinnern lassen kann, dass es Zeit ist, die Spaghetti vom Herd zu holen oder den Kuchen aus dem Ofen. Genau solch einen Timer braucht man für die Pomodoro-Technik.

CREATE OR DIE: Wie genau nutzt man die Küchenuhr für die Pomodoro-Technik?

Bell: Wenn man mit der Arbeit beginnt, stellt man den Timer auf 25 Minuten. Danach legt man eine fünfminütige Pause ein. Dies macht man insgesamt vier mal, dann steht eine längere Pause an. Anschließend wird die ganze Prozedur wiederholt.

Das klingt auf dem ersten Blick nicht danach, als könnte man eine ganze Stunde darüber reden; es erscheint zu einfach, um wertvoll zu sein. In der Praxis steckt jedoch sehr komplexe kognitive Wissenschaft dahinter. Die optimale Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen liegt normalerweise um die 25 Minuten, danach braucht das Gehirn eine kleine Pause um wieder zu Höchstleistungen aufzulaufen. Darauf baut die Pomodoro-Technik auf.

Es gibt eine ganze Reihe von Vorteilen in der Nutzung dieser Methode. Zum einen fällt es den Nutzern in der Regel wesentlich leichter, Projekte zu starten. Insbesondere bei großen Projekten gibt es oft eine Hemmschwelle. Mit Pomodoro ist das kein Problem mehr, denn schließlich geht es nicht darum, das Projekt vollständig in den Griff zu bekommen, sondern lediglich darum, sich 25 Minuten lang mit dem Thema zu befassen. Zum anderen ermöglicht Pomodoro die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeitsspanne. Nutzer arbeiten für gewöhnlich effektiver über einen längeren Zeitraum, als diejenigen, die sich beispielsweise mit Red Bull und ohne Pausen zum Arbeiten zwingen. Außerdem erlaubt die Methode eine klare Differenzierung zwischen “auf der Arbeit sein” und “Arbeit getan bekommen”. Heutzutage wird der Arbeitsfluss nur allzu oft durch Instant Messaging, Twitter, Facebook und E-Mails unterbrochen. Wenn man sich selbst festgelegte Pausenzeiten vorgibt, kann die Aufmerksamkeit gezielt verteilt werden.

Das Pomodoro-Prinzip ist ebenfalls mit einem Konzept namens Flow verbunden. In seinem Buch “Flow: The Psychology of Optimal Experience” beschreibt Dr. Mihaly Csikszentmihalyi wie es uns gelingt, produktiv zu arbeiten, wenn wir das Gefühl haben, effektiv zu sein, und Erfolge zu verbuchen. Pomodoro ist eine Methode, die hilft, in eben diesen Flow zu gelangen. Probleme können in kleinen Teilstücken gelöst werden, wodurch sich das Gefühl, etwas geschafft zu haben, vermehrt einstellt. Wenn man beispielsweise einen ganzen Morgen an einem Projekt gearbeitet hat, das insgesamt etwa neun Monate Zeit in Anspruch nimmt, dann haben wir an diesem Tag nur einen Bruchteil von einem Prozent des Projekts abgearbeitet. Mithilfe der Pomodoro-Technik können wir jedoch eventuell acht Poms, also Pomodoro-Einheiten, von unserer Liste abstreichen. Kleine, bedeutsame Erfolge tragen also zur Erfüllung größerer Ziele bei.

CREATE OR DIE: In welchen Bereichen wendest du die Pomodoro-Methode für dich selbst an?

Bell: Ich nutze die Pomodoro-Technik nicht nur für die Bewältigung von Projekten und Arbeit im eigentlichen Sinne. Sie hilft mir auch, den Arbeitsaufwand für Projekte im Vorfeld zu planen, da ich einzelne Aufgaben aufgrund meiner Erfahrung mit der Methode zielgerichtet abschätzen kann. Außerdem nutze ich Pomodoro zur Rechnungserstellung und um persönliche Projekte, wie das Erlernen neuer Dinge oder Vorbereitung auf Konferenzen, nachzuhalten.

CREATE OR DIE: Hast auch du auf der WebDU eine ganze Stunde über die Tomaten-Methode gesprochen?

Bell: Nein, ich habe auch Themen wie verschiedene unterstützende Softwareprodukte angesprochen oder das Wiederverwenden von Elementen zwischen verschiedenen Projekten. Außerdem bin ich auf Keyboard Shortcuts eingegangen, die einen enormen Einfluss auf Produktivität haben. Doch für mich persönlich hatte die Pomodoro-Technik den größten Einfluss von allem, was ich in den letzten fünf Jahren ausprobiert habe. Deshalb bin ich jetzt hier so ausführlich darauf eingegangen. Ich kann jedem nur raten, es einfach einmal auszuprobieren.

CREATE OR DIE: Und wie hat dir die Konferenz insgesamt gefallen?

Bell: Für mich war die WebDU toll. Es ging mir jedoch nicht nur allein um den Konferenzbesuch. Ich habe mal einige Zeit in Sydney gelebt – ursprünglich komme ich aus England und lebe im Moment in New York – und habe natürlich die Gelegenheit genutzt, mich mit alten Freunden zu treffen. Außerdem ist Bondi Beach als Konferenzort unschlagbar. Ich habe die letzten warmen Tage, bevor der Winter in der südlichen Hemisphäre einbricht, sehr genossen.

CREATE OR DIE: Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast.

Das Interview führte Diane Sieger

Über den Autor
Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>