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Master or Servant?

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Einige Flickr-Sammlungen zeigen erstklassige Fotos analoger Kameras, die seit über 30 Jahren in Gebrauch sind. Wer heute dagegen Hardware, Software und Tools länger als fünf Monate nicht aktualisiert, wähnt sich schon am Rande reaktionärer und ewig gestriger Technikverweigerer.

Das Klischee der guten alten Zeit ist vermutlich eine Mischung aus Gedächtnisverlust und Selbstbetrug. Trotzdem ist es schon erstaunlich, wie sich die Gebrauchsdauer von Arbeitswerkzeugen im modernen Kommunikationszeitalter geändert hat. In der alten Dorfschmiede kommt der Enkel locker mit Opas Werkzeugen zurecht, aber Opa darf auf einem Rechner mit Core-Duo-Prozessor das Internet kennen lernen. Der Enkel hat sich nämlich einen neuen PC angeschafft, die zwei Jahre alte Kiste und die lahme Grafikkarte bringen’s ja nicht mehr.

Was dem Heimanwender recht ist, sollte dem Profi billig sein. Wenn Sie auf die Frage “Sie arbeiten noch mit so einem Uraltgerät?” eine falsche Antwort à la “die Website mache ich, nicht die Maschine” geben, können Sie höchstens auf das Mitleid Ihres Gegenüber hoffen. Oder Sie erwartet ein Blick mit der klaren Mitteilung, dass Sie wohl kaum ein echter Profi sein können.

Von Knechten und Gutsherren

Als Webworker ist man dieser Rüstungsspirale an allen Fronten gnaden- und hilflos ausgeliefert. Bleiben wir bei Opa, der vom Krieg erzählt: Früher wurden Computer aufgerüstet, damit Betriebssysteme und Programme noch ein paar Jahre länger und etwas schneller liefen, heute werden sie aufgerüstet, damit Betriebssysteme und Programme überhaupt laufen. Wir sprechen hier nicht über eine RAM-Erweiterung von 64 auf 128 MB oder über eine neue Grafikkarte mit 8 MB, die damals einen ganzen Wochenlohn verschlang. Mittlerweile hat man die Ebene von Megabytes längst verlassen, Giga und Terra bestimmen die Syntax.

Heute reicht ein simples Programmupdate – schwupps, schon befinden sich Anwender und System kurz vor der Kernel-Panik. Apple-User mit dem Wunsch nach den neuesten Adobe-Kreationen dokumentieren es bei Twitter: Augen auf bei der Hardwarekonfiguration, bevor man mit der Installation beginnt. Wer hier sträflich und fahrlässig handelt, weil er keinen aktuellen Rechner mit modernster Grafikkarte, mindestens 8 GB Arbeitsspeicher, Turbolader, ABS und zuschaltbarem Warp-Antrieb hat, wird schnell von Systemen und Programmen abgemahnt. Freude an der Arbeit wird jedenfalls nicht aufkommen.

Apropos Arbeit. Eigentlich schafft sich ein Profi den Rechner und die passende Software als Knechte an, die ihm anforderungsgerecht die Arbeit erleichtern und Zeit sparen sollen. In der Praxis sind diese Knechte aber zu anspruchsvollen Gutsherren mutiert, die für ihre Plastikbehausung Eisskulpturen, Marmorbäder und einen vergoldeten Pool verlangen, bevor sie auch nur den kleinsten Dienst verrichten.

Und was die Zeitersparnis betrifft: erfahrene Ehe- oder Lebenspartner können nach der Mitteilung “Schatz, ich muss nur schnell meinen neuen Rechner und ein paar Apps konfigurieren” ganz beruhigt eine spontane Last-Minute-Städtereise buchen (Vancouver via Sydney und Peking), und die Aussage “Moment, gerade ist mir Programm XY abgesoffen” reicht meistens noch für eine ausgedehnte Shoppingtour bis Ladenschluss. Müßig zu erwähnen, dass diese Form von Zeitersparnis als Lehrgeld zu verbuchen ist. Auf der Rechnung würden mehrere Tagessätze als Position “Unvorhergesehenes und Sonstiges” vom Kunden wohl kaum unbemerkt bleiben und das ein oder andere Gespräch nach sich ziehen.

Kommunikation und technische Beschleunigung

Nachdem Sie endlich alle wichtigen Hardware-, System- und Programmupdates erledigt haben, wartet schon die bis zum Bersten gefüllte Kommunikationsblase mit E-Mails, Newsfeeds, Twitter-Meldungen, Facebook-Einladungen und Xing-Nachrichten sehnsüchtig auf Ihre Aufmerksamkeit, die dann mit einem Mausklick auf Ihren Desktop platzt. Als Webworker können Sie auf die ständige Fort- und Weiterbildung nicht verzichten, leider müssen Sie aber auch irgendwann schlafen, essen und vielleicht sogar arbeiten. Sie sind also knallhart und verordnen sich zwei Tage soziale Abstinenz für reine Projektarbeit. Sie halten das sowieso nur zwei Stunden durch. Also wieder aktuelle Designtrends, CSS3, Usability, Font-Face, Graceful Degradation/Progressive Enhancement, Flash vs. HTML5-Video, Formulare, YQL, IE-Bugs, iPad ja/nein, jQuery-Accessibility, neues CMS, neue Bücher, neue Browsererweiterungen. Sie heißen nun aber nicht Schirrmacher. Sie wissen, worauf es ankommt und sortieren die Infosammlung nach ihrer Relevanz. Sie werden lesen, studieren, ausprobieren, kommentieren und weiterleiten. Kostet nur etwas Zeit.

Bleiben wir bei der Projektarbeit. Sie testen gern? Sie sind ein echter Nerd? Sie wollen sich die kommenden Tage so richtig und komplett versauen? Prima: Fragen Sie in all Ihren Social Networks einfach mal nach den besten Tools für GTD und – wenn Sie es gern hart mögen – professionelles Projektmanagement. Die Komplettlösung aus Stift, Klappkalender, Papierblättern und Karteikarten gilt natürlich nicht, auch wenn sie fast immer gut funktioniert. Aber keine Sorge, das wird Ihnen auch niemand vorschlagen. Warten Sie einfach ab: Allein zum Thema GTD werden Ihnen derart viele gute Tools und Dienste vor den Latz geknallt, dass Sie nach all dem Testen und Fluchen warme Empfehlungen für “get things never done” und “get the best nervous collapse” geben können.

Sie werden ohnehin immer wieder neue Tools und Dienste kennen lernen, ganz automatisch, oder wozu haben Sie Ihren Twitter-Account? Gehören Sie zu den Innovatoren oder Early Adaptors, fackeln Sie nicht lange: Sie werden installieren, testen, behalten oder löschen. Diese Apps haben natürlich wieder Erweiterungen und benötigen ständige Updates, und bald gibt es die ersten Substitute. Bei all den Themen müssen Sie nur zwei- bis dreimal täglich nachsehen, ob Sie irgendeine wichtige Quelle übersehen haben. Wenn es auch zu wirklich jedem Mist dutzendweise Retweets gibt – dieser eine wirklich interessante Tweet verliert sich garantiert im Hintergrundrauschen der Zwitscherei. Ein Problem mit der Selektion der Infoblase haben Sie natürlich nur dann, wenn Sie als Webworker alle beschriebenen Themen, wichtige Tools und sinnvolle Dienste kennen sollten. Auf ein Tool zur Vergrößerung der Zeitressourcen können Sie lange warten.

Webprokrastination

Es ist sicher kein Zufall, dass gerade bei Webworkern das Phänomen der Prokrastination (Verschieben von wichtigen Angelegenheiten) zusammen mit Social Networks als Teil des komplexen Web “2.0” zu einem Thema wurde. Sascha Lobo hat mit seinem Buchtitel “Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin” konkret den Spieß des klassischen Zeitmanagements und den vielen gut gemeinten GTD-Tools umgedreht.

Ja, auch ich gehörte mit meinen alten Macs zu der Sorte Nerd, der jede verfügbare Shareware der monatlichen Heft-CDs installieren und ausreizen musste, zu Produktvorstellungen reiste und umgehend den Händler aufsuchte, sobald ein cooler Rechner angeliefert wurde. Das hat sich geändert. Bei der Webtech-Konferenz 2009 hatte ich weder ein iPhone noch sonst ein Mobiltelefon dabei, ich brauchte und vermisste es nicht, auch wenn einige Kollegen leicht verwirrt dreinblickten.

Wenn Sie als Webworker im weitesten Sinne Ihr Geld verdienen müssen, sollten Sie Hard- und Software zunächst als das betrachten, was sie sind: Arbeitshilfen, Rechenknechte, Mittel zum Zweck. Verzichten Sie auf die neuesten und vollmundig vorgestellten Produktlinien ebenso wie auf Bananensoftware, die bei Ihnen noch reifen soll. Das Prinzip “never change a winning team” ist mit steigenden Anforderungen zwar nicht auf die rasanten Entwicklung für Webworker übertragbar, aber müssen Sie deshalb jeden Monat ein neues Team aufstellen? Arbeiten Sie mit zuverlässigen Produkten, die sich bewährt und alle Kinderkrankheiten hinter sich gelassen haben. Wenn Sie Spaß an Experimenten, neuen Möglichkeiten und Entwicklungen haben, umso besser, ordnen Sie es aber für sich und Ihre Zeit auch als Spaß ein.

Konzentrieren Sie sich auf die wesentlichen Aspekte Ihrer Arbeit. Niemand kann alles beherrschen. Sie müssen nicht alles mitmachen und nicht alle Tools verwenden, die Ihrer Kollegen bevorzugen. Formulieren, kultivieren und optimieren Sie Ihre Stärken, hier ist ständige Weiterbildung und Ihr Hunger nach Wissen wirklich gefragt. Bleiben Sie aufmerksam gegenüber allen Aspekten Ihrer Arbeit, aber studieren Sie nicht gleich die kleinsten und letzten Details. Im Zweifel gilt: die Hilfe eines zuverlässigen Kollegen oder gleich die Weitergabe eines Projektbestandteils kostet Sie einen Anruf oder eine E-Mail und nicht Ihre Nerven durch tagelanges Gefrickel in einem für Sie fremden Bereich.

Auf der BOA-Veranstaltung (Best of Accessibility) 2008 in Düsseldorf fragte ich in die Runde, was denn an Facebook so toll sei und ob ich das bräuchte. Ein Kollege drehte sich um und bemerkte kurz: “Das brauchst du nicht, dafür bist du zu alt”. Ich habe mir 2009 einen Account zugelegt, aber der Kollege hatte recht.

Ich fotografiere in meiner Freizeit übrigens analog, vorwiegend mit Apparaten der längst ausgestorbenen Marke Minolta. Das jüngste Modell ist von 1982. Meine älteste Kamera ist ein russischer Leica-Nachbau von 1956. Messsucher, mechanisch, ohne Autofokus oder gar Automatik, und wie der externe Selen-Belichtungsmesser auch ohne Batterie. Sagt das etwas über meine Qualitäten als Amateurfotograf aus? Wohl kaum.

Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt über Kundenkommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und barrierefreies Webdesign.

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