Magazin für digitale Arbeit & Kultur
Design

LeWeb 2011 – Impressionen von Europas größter Internetkonferenz

admin
#LeWeb

Vom 7. bis zum 9. Dezember fand in Paris die Europas größte Internetkonferenz LeWeb statt. Die Konferenz wird seit 2005 abgehalten und lockt jedes Jahr Tausende Gründer, Start-ups und Web-Koryphäen aus aller Welt in die französische Hauptstadt, darunter Google Executive Chairman Eric Schmidt, Napster-Mitbegründer Sean Parker oder Spotify-CEO Daniel Ek. Selbst Modedesigner Karl Lagerfeld beehrte die Veranstaltung in diesem Jahr durch seine Anwesenheit.

Für CREATEORDIE war Start-up-Experte und regelmäßiger Webinale-Speaker Christoph Räthke vor Ort. Als Mitgründer des Berliner Mobile Mondays organisiert und präsentiert er seit 2008 die vierteljährlichen Events für die Berliner Mobile-Branche und leitet seit Herbst 2010 das Berliner Founder Institute. Hier sein Bericht:

LeWeb 2011

Nadia Zaboura, die für die Standortförderung NRW arbeitet, sprach es gelassen aus: “Also – wenn ich hier den vollen Preis bezahlt hätte, würde ich mich schon ärgern.” Ich: “Ich habe den vollen Preis bezahlt.” Sie: “Oh. Entschuldigung.”

Dieser Dialog fand heute, Freitag, während es Vortrags von Ben Parr statt – genauer, zu dem Zeitpunkt, als ich ihn nach zehn Minuten verließ. Ben, seinem Blog zufolge ein “respektierter Tech-Kommentator, Journalist, Web-Unternehmer und aufstrebender Weltverbesserer”,  hatte sich entschieden, die Banalitäten, die er zum Thema “Entrepreneurship 2012″ mit stockender Stimme vortrug (“seid vorbereitet auf die Finanzkrise!”), mit niedlichen Katzenfotos zu unterlegen. Ich ging, wie gesagt, vorzeitig – bin mir aber sicher, daß Le Web-Gründer und -Moderator Loic Le Meur Bens Vortrag ebenso mit einem “this was awesome and SO exciting!” abmoderierte, wie er es zuvor mit allen anderen getan hatte. Und wie er es auch bis zum Ende durchhalten würde.

Le Web: Über 3000 Menschen treffen sich jährlich in Paris, um wenigstens eine europäische Veranstaltung zu inszenieren, die groß genug ist, die verehrten Vorbilder aus den USA anzuziehen. Für nicht wenige Besucher ist das Bühnenprogramm zwar nicht mehr als Beiwerk, um Pausen zwischen Geschäftsgesprächen zu füllen. Offiziell aber, für die Presse und die vielen hundert Zuhörer in den Sälen, ist Le Web Bühne für den Status der Internetwirtschaft zwischen Venture Capital, dem Silicon Valley und seiner europäischen Nachahmung, neuen Produkt- und Firmenstarts und natürlich der obligatorischen Startup Competition. Auf die Frage in den Raum, wer den digitalen Notizzettel-Dienst Evernote nutzt, meldet sich jeder.

Mit den ersten Vorträgen und Präsentationen ist der Ton vorgegeben. “Path”, eine Art Google+ in klein, wird von Le Meur als awesome & exciting gepriesen. “FlipBoard”, die seit ein paar Jahren erhältliche Aggregations-App für Magazin- und Social Network-Inhalte, wird von Le Meur als awesome & exciting gepriesen. Bereits vorher pries MG Siegler, seines Zeichens Partner beim US-VC Crunchfund,   den Online-Limoservice “Uber” als awesome & exciting – ein Verbalsignet, das er im Anschluß auch “Soundtracking”, der n-ten Musikerkennungs-App, nicht vorenthält. Am zweiten Tag wird der überaus beflissene Siegler sein Interview mit Google-Poster Woman Marissa Mayer mit dem Versprechen einleiteten, keine unangenehmen Probleme anzusprechen – und sie anstelle dessen aushorchen bezüglich der Frage, “warum Google+ so ein großer Erfolg ist”. O du fröhliche, o du selige.

Interessant und unterhaltsam war es dann, wenn auf der Bühne einfach gespielt wurde. Wenn man vom Stand der Computersteuerung über Hirnströme erfuhr; wenn ein Zauberkünstler nun auch Smartphones in sein Repertoire einband; wenn das Mobile-Game “Cut the Rope” und sein grüner Protagonist weder awesome noch exciting, sondern lustig und bunt daherkamen. Wenn Karl Lagerfeld kauzig und Eric Schmidt staatstragend war; wenn die VC-Legenden Parker und Pishevar verkatert mit ihrer Existenz zwischen Facebook-Aufstieg und gescheiterter Ehe, Investorenweh und Gründerglück rangen.

Ein Tiefpunkt dagegen: Der Startup-Wettbewerb. Viel kolportiert wurde Lukasz Gadowskis spontane Reaktion auf einen Wettbewerbsvortrag, in dem es um einen Crowdsourcing-Ansatz für Parkplätze ging: “Ist das euer Ernst?” Die sympathischen Gründer eines (gar nicht so dummen) Terminfindungsdienstes namens 23minutes.to machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube, als sie nächtens das Niveau der Veranstaltung, auf der sie selber pitchten, als “schrecklich” umrissen. Vor oft weitgehend leeren Stuhlreihen kämpften Gründer mit der englischen Sprache sowie Minimalanforderungen an den Business Case, während man sich im Publikum verwundert fragte, was hier wohl die Kriterien der Kandidatenauswahl gewesen waren? Eine Selbstverständlichkeit, jedenfalls, dass später, bei der Abschlußpräsentation im Großen Saal, auch dieser Teil des Programms als awesome & exciting eingeordnet wurde.

Die wichtigste Frage, die am Ende von drei Tagen awesomeness offen bleibt, ist: “Ja, und?” Wer profitiert wie davon, wenn dem Silicon Valley an der Seine hinterherscharwenzelt wird? Wem nützt es, wenn sechzehn Startupgründer sich vor spärlichem Publikum blamieren und am Ende jeder vierte einen Preis bekommt? Wie exciting ist es, wenn Veranstalter, denen jede Distanz zum Thema fehlt, das Publikum lächelnd in eine Welt des Wonderful mitnehmen?

Manche meinen dazu, daß das alles nun mal “die amerikanische Art” sei – viel Blütenhonig, viel Kleister, wir sind alle super, und am Ende bedankt man sich artig für die Zeit auf der Bühne: “Thanks for joining us! – Thanks for having me!”. Dabei ist genau das Gegenteil wahr: Die amerikanische Art, die eine fundamentale Grundlage des Erfolgs des Valley-Ökosystems ist, das sind die präzisen Fragen, die jede Idee und jeden Founder zwingen, schonungslos die Hosen runterzulassen. Das weiß auch in Europa jeder Gründer oder Investor, der es ernst meint. Natürlich kann man fragen, ob solche Ernsthaftigkeit überhaupt der Sinn der LeWeb ist; ein gemeinsamer Gottesdienst zur Verehrung von Steve Jobs, Facebook und den Helden des Risikokapitals wärmt das Herz und tut niemandem weh.

Aber wenn es so weit geht, daß Sean Parker (Facebook- und Spotify-Investor) beklagt, daß im Valley mittlerweile zu viel Geld auf zu wenige gute Ideen und Gründer trifft – und niemand auch nur die Frage stellt, ob man unter diesen Umständen die LeWeb nicht nutzen könnte, das diametrale europäische Problem von zu wenig Geld für zu viele Ideen zu adressieren, dann… kann man sich die Sache vielleicht auch sparen. Anstelle dessen ging übrigens ein schwedischer Journalist Parker mit der Beschwerde an, dass er als User mit den Facebook-Empfehlungen für seine Spotify-Playlist unzufrieden sei und ob Parker da nicht was machen könne.

Der Schwede hatte wahrscheinlich, anders als ich, auch nicht den vollen Preis bezahlt bei der LeWeb.

Christoph Räthke

Hier noch einige Foto-Impressionen der Konferenz, die wir dem offiziellen Flickr-Stream der Veranstaltung entnommen haben:

 

Knapp 3.000 Besucher tummelten sich auf der diesjährigen LeWeb.
Knapp 3.000 Besucher tummelten sich auf der diesjährigen LeWeb.
Das LeWeb-Auditorium.
Das LeWeb-Auditorium.
Google Executive Chairman Eric Schmidt.
Google Executive Chairman Eric Schmidt.
Auch Modedesigner Karl Lagerfeld war zu Gast.
Auch Modedesigner Karl Lagerfeld war zu Gast.
Napster-Mitbegründer Sean Parker (links).
Napster-Mitbegründer Sean Parker (links).
Spotify-CEO Daniel Ek.
Spotify-CEO Daniel Ek.
Mashable-Kolumnist Ben Parr.
Mashable-Kolumnist Ben Parr.
Über den Autor
Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>