Magazin für digitale Arbeit & Kultur
Design

Foldit – Gamification pusht HIV-Forschung

admin
#foldit

Vor wenigen Wochen wurde die GamesCon in Köln abgehalten – Europas größte Spiele-Messe – und animierte RTL zu einem dümmlich-dämlichen Bericht, der ein ebensolches Bild auf den Gamer zu werfen versuchte. Lange Rede, kurzer Sinn: Der RTL-Bericht zog massenhaft Empörung nach sich und der TV-Sender musste sich dafür entschuldigen. Doch nicht nur, dass Gamer generell keine ungewaschen Sozialphobiker sind, wie es der RTL-Beitrag zur GamesCon suggerieren wollte: Gamer haben nun vermutlich ein Problem gelöst, das Wissenschaftler mehr als zehn Jahre lang Rätsel aufgab und einen wesentlichen Durchbruch in der HIV-Forschung bedeuten könnte.

Gamification heißt das Schlagwort, das User von Computer- und Online-Spielen in den Dienst der Wissenschaft stellt. Das wissenschaftliche Computerspiel Foldit gibt es bereits seit 2008 und wird inzwischen von rund 60.000 Menschen gespielt. Die Idee hinter dem Spiel ist in etwa die, dass Wissenschaftler Rätsel als Puzzle zur Verfügung stellen, die dann von der Community geöst werden können. Die User konnten in Foldit auch an der “Retroviralen Protease”, dem Schlüssel zur Reproduktion des HI-Virus, rätseln und schafften das, was Forscher seit über zehn Jahren vergeblich suchten: Sie entschlüsselten innerhalb von nur zehn Tagen seine Molekularstruktur und deren Aufbau. Gegenüber pte erklärt Steffen P. Walz vom Games & Experimental Entertainment Laboratory Europe der RMIT University das Phänomen:

Foldit ist ein extrem prominentes und hervorragendes Beispiel für Serious Games, bzw. Gamification. Es ist eine Art Crowdsourcing was das Problem des Spatial Reasoning angeht, das heißt, ein Problem – in diesem Fall das Problem des Faltens der Proteine – wird an 10.000 oder mehr Amateure weitergegeben. Im richtigen Setting ist diese Methode besser und effektiver, als wenn sich zehn der besten Köpfe damit beschäftigen.

Das Problem bei der Entschlüsselung der “Retroviralen Protease” konnte weder von Wissenschaftlern und auch nicht von Computern bewältigt werden. Computer können zwar offensichtliche Verbindungen zwischen zwei Entitäten feststellen, tuen sich allerdings oftmals schwer mit wenig offensichtlichen Zusammenhängen. “Die Leute haben ein räumliches Vorstellungsvermögen. Darin sind Computer nicht sehr gut”, meint der führende Designer von Foldit, Seth Cooper. So stellen Forscher verschiedene Problematiken als Rätsel auf Foldit zur Verfügung und hoffen auf den Einfallsreichtum der Schwarmintelligenz. Mit Erfolg, wie sich nicht nur einmal gezeigt hat.

Projekte wie eben Foldit zeigen nicht nur, dass Gamer alles andere als dumm sind, sondern vor allen Dingen, dass das Netz die kreativen und produktiven Potenziale seiner User sinnvoll bündeln kann. So verdankt die medizinische Forschung den Foldit-Spielern bereits Fortschritte in der Krebs- und Alzheimer-Forschung.

Über den Autor
Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>