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Die Menschmaschine, II

admin
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Wir können uns anpassen, und wir werden uns anpassen. Das steht fest. Denn unsere Fähigkeit, neue Werkzeuge zu bedienen und neue Kulturtechniken zu erlernen, beweisen wir jeden Tag und können uns darüber kindisch freuen. Kindisch zu glauben, dass wir dafür keinen Preis zu zahlen haben. Und kindisch zu hoffen, dass letztendlich der Inhalt zählt und es darauf ankommt, wie wir ein Medium nutzen.

Our conventional response to all media, namely that it is how they are used that counts, is the numb stance oft the technological idiot […] because the content of a medium is just […] the juicy juicy piece of meat carried by the burglar to distract the watchdog of the mind.

Dieser Satz von Marshall McLuhan aus seinem 1964 erschienenen Buch “Understanding Media. The Extensions of Man” ist imstande, den berühmten anderen zu erhellen, der ungleich missverständlicher ist. Denn dass “das Medium die Botschaft ist”, ist zumeist nur ein Echo auf eine nie stattgefundene Lektüre, das zwischen den Wänden unseres vermeintlichen Denkens hallt. Wir tun so, als ob wir McLuhan gelesen und verstanden hätten und fahren gleichzeitig damit fort, rein inhaltlich über neue Medien zu diskutieren. “Medien sind weder gut noch schlecht, es kommt darauf an, wie wir sie verwenden” – tönt es nach wie vor von allen Orten, als ob Schusswaffen dadurch gut werden, dass sie die richtigen Leute treffen.

Es braucht schon ein wenig Dialektik, um zu merken, dass wir von den Werkzeugen, die wir benutzen, auch geformt werden. “Unsere Schreibgeräte verändern unsere Gedanken”, bemerkte Friedrich Nietzsche 1879 schon nach den ersten Wochen mit seiner neuen Schreibmaschine. Je allgemeiner, einfacher, mobiler und sexier die Werkzeuge unseres Denkens werden, desto leichter fällt uns ihre Verinnerlichung. Und desto schwieriger wird es zu merken, “wie auch die Inhalte anders werden, wenn sich die Form eines Mediums ändert” (McLuhan): “Neue Medien kommen niemals bloß als Hinzufügung zu den alten […] und neue geistige Fertigkeiten werden immer auf Kosten anderer entwickelt.”

Es sieht so aus, als wäre der Verlust fixer Bestandteil dieses Vorgangs. Auch wenn Werkzeuge imstande sind, unsere physische Kraft zu steigern, unsere Sinnesleistung zu erhöhen, die Natur umzuformen, damit sie uns besser dient, oder aber unsere geistigen Fähigkeiten zu potenzieren – ihr Einsatz wird immer auch dazu führen, dass sich der Teil, der dabei erweitert und ersetzt wird, taub anfühlt. Denken Sie an den Hammer in der Hand oder an das Navigationsgerät im Auto und Sie wissen, was gemeint ist. Der Betäubungseffekt, den der Einsatz von Technologie nach sich zieht, ist Teil ihrer Ethik.

Für einen Mann mit einem Hammer hat jedes Problem die Gestalt eines Nagels. Was passiert, wenn der Hammer kein Hammer mehr ist, sondern ein cooles Gadget in unserer Hand? Und was, wenn wir von Werkzeugen unseres Bewusstseins reden, “die die intimsten und menschlichsten unserer natürlichen Fähigkeiten – jene des Urteilens, des Wahrnehmens, des Erinnerns und des Empfindens – zugleich erweitern und betäuben?” (N. Carr, The Shallows).

“The art of remembering is the art of thinking”, schrieb William James 1892. Dahinter steht die Vorstellung, dass unser Gedächtnis identitäts- und persönlichkeitsstiftend, und deshalb etwas zutiefst Menschliches ist. Unser Denken braucht Ruhe UND Ablenkung, wenn es sich entwickeln soll. Die Ablenkung haben wir zur Genüge. Nur die Ruhe fehlt immer mehr und mit ihr eine Lektüre mit Tiefgang. Anstatt zu lesen, scrollen und scannen wir. Das ist durchaus eine neue und interessante Kulturfertigkeit. Nur, auf Kosten welcher Fähigkeit entwickeln wir sie?

Die Vielzahl alternativer Information in Gestalt von Hyperlinks hält uns auch während der Lektüre im Entscheidungsmodus gefangen. Kein Zurücklehnen. Keine Kontemplation, die für die Entstehung des Langzeitgedächtnisses entscheidend wäre. Wo sind sie, die nachhaltigen Erinnerungen? Sie verschwinden. Und weil wir uns nichts mehr merken können, haben wir begonnen, unser Gedächtnis ins Web auszulagern, das ohnehin – so die ideologische Analogie dahinter – wie eine Festplatte funktioniert. Wir tun dies, um Platz zu schaffen. Doch Platz wofür?

“Frühscheinzeit”, nannte Peter Glaser einmal jene Zeit, die Ende des letzten Jahrhunderts angebrochen ist. Wir sind wieder am Anfang. Wir hocken vor unseren Bildschirmen wie früher vor dem Lagerfeuer. Was der neue Tag bringen wird, wissen wir nicht. Doch wir brauchen keine Angst zu haben – unsere mentale Anpassungsfähigkeit ist enorm: “Neurons that fire together wire together.” (N.Carr) Klar muss uns jedoch sein, dass das, was wir tun, wenn wir online sind, aber auch das, was wir nicht tun, wenn wir online sind, neurologische Konsequenzen hat. Dank der Plastizität unseres Gehirns können wir die Schaltkreise unseres Denkens immer wieder auflösen und aufs Neue festschreiben.

Tun wir es. Aber bitte richtig. Und ohne digitalen Routenplaner! “What matters is not our becoming but what we become.” (N. Carr)

Dieser Text versteht sich als Kommentar zur Lektüre des neuen Buchs von Nicholas Carr: The Shallows. What the Internet is doing to our brains – ein Meilenstein in der Beschreibung unseres Umgangs mit digitalen Medien im Umfeld einer technokratischen Kultur. Sie führte nicht nur zu einer Neulektüre von Marshall McLuhans Meisterwerk, sie brachte mich auch zurück auf einen anderen Text, den ich 1998 als Buchbeitrag geschrieben und vor 3 Jahren als Nachlese ins Web gestellt habe: “Die Menschmaschine. Annäherungen an eine neue Zeit.”

Wolfgang Tonninger studierte Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaft. Seit 1989 arbeitet er an den Schnittstellen von Kommunikation, Kultur und Informationstechnologie. Er ist Blogger, Ghostwriter, Kulturjournalist, Technologie- und Kommunikationsberater. Mit ALMBLITZ beschreibt er Grenzgänge zwischen Technologie, Kunst und Natur. Bei Content Creation & Development berät und verwirklicht er content-intensive Kommunikationsprojekte. Wolfgang Tonninger finden Sie auch bei Twitter unter @almblitz und @siniweler.

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