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Die Google-Knute

admin

Sie reden über Kostenbewusstsein, Design, Marktpositionierung, Kundenorientierung, Benutzerfreundlichkeit, Zugänglichkeit und Performance der Website? Nichts davon ist für Kunden nach dem Launch oder Relaunch auch nur annähernd so wichtig wie eine Topplatzierung bei Google.

Google kennt jeder, Google nutzt jeder. Einfach nur im Web vertreten zu sein, reicht schon lange nicht mehr. “Ich bin drin” – Google ist das ultimative Synonym für das Web geworden. Wer nicht gefunden wird, hat verloren. Kunden, die sich noch im Projektworkflow als träge Variable erwiesen haben, überraschen nach dem Launch plötzlich durch ungeahnte kreative Kräfte, geht es um die Strategien einer guten Platzierung bei Google. Dieses Maß an Kreativität hätten Sie sich sicherlich bereits bei Planung, Konzeption und Umsetzung der Website gewünscht. Bei Gott, hoffentlich nicht. Denn das, was Sie an Missverständnissen von Webdesign, Codequalität und Benutzerführung bereits kennen, wird von einigen Kunden mit den Vorstellungen perfekter Suchmaschinenoptimierung weit in den Schatten gestellt.

Konversationen des Wahnsinns

Palimpalim. Die Melodie zum alten Sketch “Eine Flasche Pommes Frites” sollte bei einer ganz bestimmten Art von E-Mails zu hören sein. Als Webdesigner hat man sich ja längst daran gewöhnt, automatisch tief Luft zu holen und ein spontanes Entspannungsprogramm zu starten, sobald im Betreff “Google-Platzierung” steht.

Der Inhalt der E-Mail lautet meistens: “Mein Kollege wird viel besser bei Google gefunden. Da müssen wir was tun, bitte um Rückruf. ” Wir wissen alle, welche Wünsche, Meinungen und Auffassungen im Telefonat folgen, und dass die Klarstellung nicht oder nur selten innerhalb weniger Minuten erledigt ist. Lauschen wir doch einmal dem Gespräch: “Ich habe meine Seite mit der eines Kollegen verglichen. Wenn ich bei Google »Turboladerbruch Gutachten« und meine Stadt eingebe, erscheint mein Kollege vor mir. Wieso ist das so? “

Ratlosigkeit befällt nur den ungeübten Anfänger. Der Profi reagiert souverän mit einer Gegenfrage, in der Absicht, ein Umdenken beim Gesprächspartner zu erreichen: “Google indiziert die Inhalte von Webseiten, und wenn bei Ihnen das Wort Turoladerbruch in keinem Text auftaucht, kann Google das nicht finden. Wie kommen Sie aber zu der Annahme, dass Ihre potenzielle Zielgruppe diese exotische Wortkombination bei der Google-Suche verwenden würde? “

“Das mit Google weiß ich. Schreibe ich eben so einen Text. Wichtig ist doch, dass der Kollege mit genau dieser Kombination vor mir steht. Können Sie da nicht mal eben was in meine HP hinein programmieren?”

Die Kombination von »HP«, »mal eben«, »hinein« und »programmieren« zeugt nicht vom Umdenken und kann bei empfindlichen Kollegen zu Atemnot, Herzrasen und erhöhtem Blutdruck führen. Mit der Stabilisierung der Atemfunktionen ist umgehend klare und direkte Aufklärung wichtig: “Selbst wenn Sie einen Text zum Turboladerbruch verfassen, was haben Sie davon, wenn Nutzer mit dieser Suche auf Ihre Website stößt? Sie sind ja kein Automechaniker oder KfZ-Gutachter.” “Nein, ich bin aber Anwalt und mache auch Verkehrsrecht. Gelegentlich. Und wenn ich »Turboladerbruch Verkehrsrecht Anwalt« und meine Stadt eingebe, erscheint der Kollege auch vor mir, obwohl er eine ganz hässliche HP hat!”

Zeit ist bekanntlich das wertvollste Geschenk an die Kunden. Projektarbeit, Webentwicklung oder gar GTD werden überbewertet und der Tag war sowieso nicht der beste. “Ihr Kollege ist ebenfalls Anwalt, dann ist das erweiterte Ergebnis logisch.” “Nein, er ist KfZ-Sachverständiger. Aber er ist zusätzlich Fachanwalt für Verkehrsrecht.” Warum nicht einfach alles hinwerfen? Schafe züchten in Neuseeland. Meditieren in Indien. Freiwillig Tester für harte Psychopharmaka werden. “Denken Sie an die Nutzer. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber Sie sind der Meinung, dass ein potenzieller Mandant lieber zu Ihnen als zu einem KfZ-Sachverständigen und Fachanwalt für Verkehrsrecht gehen würde?” “Er ist der Arroganteste im Golfclub. Unter uns: Ich würde mich außerdem wie ein kleiner Junge freuen, wenn ich ihm den einen oder anderen Mandanten abjuxen könnte, Sie verstehen.”

Himalaya. Tibet, einfacher Flug. Als Bettelmönch braucht man nicht einmal Gepäck.

“Sind Sie noch da? Da müssen noch weitere Kombinationen einprogrammiert werden, ich habe mal eine Liste mit allen möglichen Fachbegriffen zusammengestellt, die faxe ich Ihnen gleich rüber. Könnten Sie nachher mal eben in die HP einbauen, bezahle ich auch. Vielleicht kann man das dann morgen schon bei Google finden.”

Zeitfraßoptimierungsstrategien

Gäbe es auf dem Himalaya genug Hot Spots, wäre der heilige Berg längst zum “iMountain” für Webentwickler mutiert. Ein Pilgerziel der Google-Suchenden für die letzten Dinge des Daseins, zum Beispiel, warum die Götter solche SEO-Gespräche geschehen lassen.

Die so genannten Experten, die den Kunden in aufregenden Briefen und Anrufen eine Topplatzierung garantieren, sind bei solchen Gesprächen nur selten ein Thema. Die Kunden greifen hier und dort nur etwas auf und lassen sich von Kollegen, Freunden und vom Hausmeister Tipps geben. Nächtelang geben sie dann alle möglichen Kombinationen bei Google ein. Das obige Beispiel ist ein überspitzter Extremfall (Kundenbranche und Suchbegriffe wurden geändert). Ähnliche Fälle kommen dafür extrem häufig vor.

Analog zu fehlendem Wissen sind auch der Fantasie einiger Kunden keine Grenzen gesetzt. Da werden schon im Vorfeld mit Triple-A-Domains knallharte Wettbewerbsvorteile in Sachen SEO geschaffen – was den Gelben Seiten recht ist, muss Google doch billig sein (“www.aaa“: 1.450.000 Ergebnisse, “www.aaaa“: 156.000 Ergebnisse). Auf die Kundenbedürfnisse wird ähnlich professionell eingegangen, denn wer sucht nicht gern und gezielt nach echtem Service (“www.service“: 2.630.000 Ergebnisse). Keiner von uns möchte mit dem Webdesigner tauschen, der die nagelneue, standardkonforme und sauber geschriebene Schrauberwebsite www.aaaa-service-meyer.de gegen die mittelmäßige, aber alte und gut verlinkte autowerkstatt-schulz-hamburg.de auf dem gnadenlosen Schlachtfeld von Google antreten lässt. Argumente wie Qualität, optimale Benutzerführung, zeitgemäßes Design, schlanker Code oder kurze Ladezeiten spielen für den Kunden dann keine Rolle mehr.

Post-Relaunch-Terror

Natürlich darf der Webdesigner auch nach dem Launch die aktuellen Google-Wasserstandsmeldungen erfahren. Bis Google die Seite indiziert und einigermaßen gut gelistet hat, wird der Webdesigner vom Kunden nach spätestens einer Woche über seine Enttäuschung aufgeklärt, dass “im Google” immer noch keine Ergebnisse stehen, verbunden mit der Bitte um ausführliche Aufklärung. Erscheint die neue Website auf der ersten Seite, wird die Enttäuschung über die schlechte Platzierung auf Platz 4 umgehend mitgeteilt (“da gibt’s auch bei Olympia keine Medaille”), wieder wird um Aufklärung gebeten. Vom plumpen Ablenkungsversuch des Webdesigners, vor allem die umfangreichen Statistikdaten zu analysieren, lässt sich der Kunde auch nicht ablenken (“Gute Idee! Könnten Sie das bitte mal für uns machen?”). Er möchte auch gern aufgeklärt werden, warum die vorgestern über den Provider bestellte und schon vor einer Stunde auf die Hauptseite weitergeleitete Domain überhaupt nicht bei Google auftaucht. Ähnliche Mitteilungen sind übrigens auch bei den Nerds unter den Kunden normal:

Kunde: “Ich habe da heute mal die Metaangaben in den Templates geändert … “

Webdesigner: In Panik. Prüft schnell ein paar Seiten – Vollständigkeit, Markup, Design.

Kunde: “… ja, und dann bin ich eben bei Google rein, aber mit den Begriffen sind meine Seiten nicht zu finden. Was habe ich falsch gemacht?”

Noch lustiger sind Relaunches. Etwa einen Tag nach Freischaltung der neuen Website erhält der Webdesigner die verwunderte Frage, warum “die alten Seiten noch im Google” stehen, und dass – Sie ahnen es bereits – um Aufklärung gebeten wird. Aufklärung erwarten einige Kunden darüber, ob und wie sie diverse (48) Verweise auf externen Portalen und Linksammlungen ändern können, nicht ohne den Hinweis: “Wieso endet unsere Startseite jetzt mit .php und nicht .html? Das hätte man vielleicht bedenken müssen.”

Die passive und indirekte Form “man hätte” ist bei Änderungswünschen und Meinungen zu Design, Styling und Benutzerführung bekannt, typisch ist sie aber bezüglich der Google-Platzierung.

Suchmaschinenverschlimmbesserung

Suchmaschinenoptimierung ist wichtig. Das steht außer Frage. Die Thematik ist jedoch so komplex, dass gerade Kunden heillos überfordert sind. SEO ist aber auch zu einem Synonym für das halbseidene Geschäft zweifelhafter Subjekte geworden; die Grenze zu Spam als Krebsgeschwür des Webs verwischt zunehmend. Jeder Webdesigner oder Entwickler sollte es als angenehmes Übel betrachten, wenn die Kunden lieber alle Inhalte im View Port sehen wollen, und nicht endlose Wortwüsten mit schier unlesbaren SEO-Konstrukten von Überschriften und Absatztexten, nur um eventuell besser bei Google gelistet zu werden. Onlineredakteure sind heute nicht mehr zu beneiden.

Es bleibt einerseits die Hoffnung, Google möge noch rechtzeitig erkennen, dass jede Revolution ihre Kinder frisst und entsprechend auf die Auswüchse der extremsten Optimierungsstrategien reagiert.

Andererseits ist Aufklärung wichtiger denn je. Um die gröbsten Missverständnisse von vornherein auszuräumen, sollten Sie ein kurzes Handout mit den wichtigsten Fakten, Möglichkeiten und Mythen als Teil des Angebots mitschicken. Thematisieren Sie den “Suchoptimierungsbedarf” von Image-Broschüren, Flyern und Anzeigenkampagnen. Weisen Sie auf Optimierungspotenziale bezüglich Erreichbarkeit, Servicezeiten und Alleinstellungsmerkmale hin. Sensibilisieren Sie Ihre Kunden für ein Leitbild und für eine erfolgreiche Marktpositionierung außerhalb des Webs.

Ausklammern lässt sich SEO gegenüber den eigenen Kunden nicht. Ansonsten kämpfen Sie sich am Ende durch die Kundenwünsche nicht nur mit der obligatorischen Verschlimmbesserung bezüglich des Designs, Sie würden die individuelle Qualität der Inhalte einer Website den Rechenoperationen einer Maschine opfern.

Nils Pooker arbeitete selbstständig im Kunstbereich und ist seit 2001 freier Webdesigner. Als Fachbuchautor hält er Vorträge und schreibt über Kundenkommunikation, Wahrnehmung, Webstandards und barrierefreies Webdesign.

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